Mitgliederbereich

Unsere Texte

___STEADY_PAYWALL___

sind von uns gesammelt, neu erzählt und aufgeschrieben worden.

 

Hier findet Jörn-Uwe gerade in der Stadt der 100 000 Buchläden in Kalkutta eine weitere indische Märchensammlung.

 

 

 

Und hier sind sie, unsere Schätzchen, alphabetisch, ohne weitere Sortierung, so wie ich sie einmal aufgeschrieben habe.

Manchmal kunstvoll und durchdacht, oft eine zur Improvisation einladende Niederschrift. In manchen Erzählungen weiche ich ordentlich vom Geschriebenen ab, andere Texte haben sich tief in mein Hirn eingespurt.

Die Texte sind wenig formatiert, selten redigiert und ich stelle sie Euch zur Verfügung zum Neuerzählen oder Vorlesen.

Verwendet Ihr die Texte in größeren Zusammenhängen, solltet Ihr auf Mär fürs Ohr und seinen Erzähler hinweisen.

Kommerzielle Nutzung erfordert unsere schriftliche Genehmigung.

Viel Freude an diesen geliebten Texten!


Auch dies wird vergehen

Ein Derwisch hatte auf seiner weiten und mühseligen Wanderung die Wüste durchquert. Er erreichte nach langer Reise endlich bewohntes Gebiet. Das Dorf hieß "Sandige Hügel" und es war sehr trocken dort. Die Einwohner betrieben Viehzucht, für Ackerbau gab der Boden nichts her.

Der Derwisch fragte die pfeiferauchenden Alten am Wegrand nach einem Gasthaus.

"Ein Gasthaus? Gibt’s hier nicht,“ sprach einer, „aber Shakir, der reichste Mann der Gegend, wird Euch wohl für eine Nacht aufnehmen." Shakir, was übersetzt heißt, der, der immerfort Gott lobt, sei sogar reicher als Haddad aus dem Nachbardorf, erfuhr der Derwisch. Ja, er besitze über tausend Stück Vieh. Man zeigte ihm den Weg.

Der Derwisch wurde gastlich im gepflegten Heim Shakirs aufgenommen und eingeladen ein paar Tage zu bleiben. Die beiden Männer freundeten sich miteinander an. Sie entdeckten ihr gemeinsames Suchen nach Gott als Thema für die nächsten Abende. Shakirs Frau und seine Kinder waren gastfreundlich und ehrerbietig, dem heiligen Mann gegenüber. Am Tag der Abreise beschenkten sie den Derwisch mit einem reichlichen Mundvorrat. Beim Abschied sagte der Mönch:

„Allah sei gedankt, möge es euch alle Zeit so wohlergehen.“ Doch sein neuer Freund lächelte seltsam und antwortete:

„Täusche dich nicht, auch dies wird vergehen.“

Wieder in der Wüste sann der Derwisch über Shakirs Abschiedsworte nach. Was meinte sein Gastgeber? Er grübelte und grübelte, konnte aber nicht hinter den Sinn der Worte kommen. Doch dann erinnerte er sich daran, dass sich manche Rätsel erst im Verlauf einer langen Reise lösen lassen. So legte er seinen Gedanken Zügel an und wanderte weiter.

Fünf Jahre später war er abermals in der Gegend der sandigen Hügel und natürlich wollte er seinen Freund Shakir besuchen. Aber als er zu dessen Haus kam war da nur eine abgebrannte Ruine. Er erkundigte sich und hörte, eine Feuersbrunst habe das Haus vernichtet und Shakir und seine Familie seien zwar mit dem Leben davongekommen, aber ohne Hab und Gut. Und als wäre das noch nicht genug, habe eine Viehseuche alle seine Tiere dahingerafft und so habe Shakir Unterschlupf suchen müssen bei Haddad im Nachbardorf, er sei dort Großknecht geworden.

Als der Derwisch zum Anwesen Haddads kam, begrüßte ihn ein zerlumpter Freund, der aus einer kleinen Hütte trat. Doch Shakir empfing ihn nicht weniger freundlich als zuvor.Seine Familie war genauso liebenswürdig und der Derwisch blieb ein paar Tage als Gastfreund. Beim Abschied reichte man ihm Wasser und Brot für den Weg, der Derwisch aber sprach:

„Allah wird sich etwas gedacht haben, möge es dir einmal besser gehen.“ Shakir lächelte und entgegnete: „Täusche dich nicht, Freund, auch dies wird vergehen.“ Diese ruhig gesprochenen Worte gingen dem Derwisch noch lange nach. 'Was in aller Welt meint er diesmal mit seiner Aussage? Wie kommt Shakir dazu, sich so zuversichtlich über seine Zukunft zu äußern?' Der Derwisch wußte aber, daß Shakirs Abschiedsworte beim vorletzten Besuch die Veränderungen vorausgesagt hatten und er beschloss erneut, es dabei bewenden zu lassen und auf eine Antwort zu warten.

Sieben Jahre vergingen, und der älter werdende Derwisch wanderte weiter. Er hatte den Hadsch vollzogen, Mekka und Medina besucht und war wieder in die Gegend der sandigen Hügel gekommen. Doch als er zur Hütte Shakirs gehen wollte, kam der ihm aus dem prachtvollen Haus Haddads mit ausgebreiteten Armen entgegen. Er war wieder reich geworden. Haddad war gestorben und hatte keine Nachkommen hinterlassen, so vererbte er alles seinem Großknecht und dessen Familie. Diesmal blieb der Derwisch viele Wochen bei Shakir. Die beiden Freunde philosophierten, beteten, meditierten miteinander. Doch schließlich rüstete sich der Derwisch für seine größte Reise, er wollte Indien durchwandern, den Stätten seines Ordens nachspüren. Zum Abschied sprach er: „Nun ist es doch ganz deutlich geworden, Allah meint es gut mit Dir!“ - „Täusche dich nicht, Freund, auch dies wird vergehen," gab Shakir zur Antwort und lächelte. Da war es wieder, dieses eigenartige Rätselwort und der Derwisch hatte es fast vergessen. Was meinte sein Freund damit? Er konnte den Knoten nicht lösen, er wanderte fort.

Nach seiner Pilgerreise, beschloss er, Shakir noch einmal zu besuchen. Er war sehr traurig, als er erfuhr, dass sein Freund gestorben war. Er ließ sich zu dessen Grab führen und als er näher kam, sah er auf dem Grabstein eine Inschrift. Dort war eingemeißelt:

„Auch dies wird vergehen.“

„Freund, was soll denn jetzt noch kommen, was sagtst du da noch aus dem Grab heraus!“ Der Derwisch stand am Grab und schüttelte den Kopf. "Reichtum kommt, Reichtum geht, ja, das verstehe ich jetzt, aber wie soll sich ein Grabmal verändern?"

Der Derwisch war alt geworden, er ließ sich in der nahen Stadt nieder, lebte von Ratschlägen, die er erteilte. Er machte es sich zur Gewohnheit, einmal im Jahr das Grab seines Freundes zu besuchen, einige Stunden dort zu meditieren. Als er wieder einmal dort hinkam, waren der halbe Friedhof und das Grab Shakirs verschwunden, weggespült von einer Flut. Eines jener Wadis, jener ausgetrockneten Flußtäler, war durch einen plötzlichen Wüstenregen über die Ufer getreten und hatte den Friedhof überspült.

Der Derwisch stand stundenlang bei den Ruinen des Friedhofes an der Stelle an der er das Grab seines Freundes vermeinte und starrte zu Boden. Dann hob er den Kopf zum Himmel, nickte und sprach: "Du hattest recht, ja, du hattest recht. - Auch dies wird vergehen."

Der Ruf seiner Weisheit verbeitete sich im ganzen Königreich und schließlich hörte sogar der Ratgeber des Königs von seiner Klugheit und Lebenserfahrung. Der Wesir war in hoher Not. Der König hatte einen Wunsch getan. Er wolle einen Ring, hatte er befohlen, dessen Anblick ihn glücklich stimmen solle, wenn er traurig wäre und wenn er einmal zu überschwänglich sei, ihn beruhigen könne. Niemand wußte Rat und so erhielt der Derwisch eines Tages einen Brief, mit dem Angebot, sich zum Königshof zu verfügen, seinen Lebensabend dort zu verbringen, hochgeachtet und verehrt, aber diese Bitte des Königs, dafür brauche man seinen Rat. Der Derwisch war zu alt zum Reisen. Er kritzelte ein paar Zeilen auf den Brief des Boten und sandte ihn wieder zurück.

Die Juweliere des Palastes machten sich an die Arbeit und einige Tage später war der Ring fertig. Mit einem Smaragd geschmückt und einer Inschrift verziert wurde er dem König überreicht. Tagelang war dieser niedergeschlagen gewesen, missmutig streifte er den Ring über seinen Finger. Da fiel sein Blick, während er enttäuscht seufzte, auf die Zeilen. Er begann zu lächeln und ein paar Augenblicke später laut zu lachen.

Auf dem Ring stand geschrieben:

"Auch dies wird vergehen."

 

Aus Persien

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der knorrige Baum

Meister Ki wanderte zwischen den Hügeln von Tschang. Da sah er einen Baum, der seltsam gewachsen war. Unter seiner Krone ließ sich an einem warmen Sommertag sicher gut Schatten finden. Der Meister Ki sprach: "Was für ein Baum ist das?"

Er blickte nach oben und bemerkte, dass seine Zweige so krumm und spirrelig gewachsen waren, dass sich keine Balken daraus machen ließen. Er blickte nach unten und bemerkte, dass der Stamm so gekrümmt, kurz und verknotet war, dass sich keine Särge daraus machen ließen. Leckte man an einem seiner Blätter, bekam man einen scharfen beißenden Geschmack in den Mund. Roch man daran, wurde man von dem starken Geruch drei Tage betäubt. Meister Ki sprach:

"Das ist wirklich ein Baum aus dem sich nichts machen läßt. Dadurch hat er seine ganz eigene Form erreichen können. Kein Wunder, dass der so alt geworden ist. So geht es in der Welt."

Wissende halten diese Nutzlosigkeit für einen Schatz.

 

Zhuang Zi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland


Die Drei Ziegenböcke und der Troll

Es waren einmal drei Ziegenböcke. Die hießen alle drei Tok.

Der erste war der wuselwinzigkleine Ziegenbock namens Tok.

Der zweite Ziegenbock war nicht ganz so klein, aber auch nicht groß und der hieß auch Tok. Der dritte Ziegenbock war ganz ganz groß und ganz ganz stark und der hieß ebenfalls Tok.

Eines Tages beschlossen die drei Ziegenböcke hinauf ins Gebirge zu ziehen und auf den dortigen Bergwiesen würzige Kräuter zu weiden.

Zuerst wanderte der wuselwinzigkleine Ziegenbock namens Tok los. Doch der Weg ins Gebirge führte über einen tiefen und reißenden Fluss. Dem Himmel sei Dank führte eine Brücke darüber. Unten am Fluss aber hauste ein Troll der immer Hunger hatte.

Trippeltrappel-trippeltrappel-trippeltrappel lief der wuselwinzigkleine Ziegenbock über die Brücke.

„Wer trippelttrappelt da über meine Brücke?“ rief der Troll. „Warte ich komme und fresse dich!“

„Ieeäääähgch! Friss mich nicht. Ich bin doch nur der wuselwinzigkleine Ziegenbock namens Tok. Von mir wirst du nicht satt!“

„Stimmt!“ meinte der Troll, „Von einem wuselwinzigkleinen Bissen krieg ich nur noch mehr Appetit!“

Er ließ den Ziegenbock vorbei und der machte das er fortkam.

Trippeltrappel-trippeltrappel-trippeltrappel.

Etwas später kam der nicht ganz so kleine aber auch nicht große Ziegenbock namens Tok.

Trab-trab-trab trabte er über die Brücke.

"Wer trabt denn da trab-trab-trab über meine Brücke?" rief der Troll. „Warte, ich komme und fresse dich!“

„Ieeäääähgch! Ich bin doch nur der nicht ganz so kleine aber auch nicht große Ziegenbock namens Tok! Friss mich nicht, von mir wirst du immer noch nicht satt!“

„Stimmt!“ rief der Troll, „ Ich muss auf einen großen Bissen warten. Es wird schon noch einer kommen, man muss nur Geduld haben.“

Wirklich dauerte es gar nicht lange und der ganz ganz große und ganz ganz starke Ziegenbock namens Tok kam daher. Bum-bum-bum trampelte er über die Brücke.

„Wer trampelt da bum-bum-bum über meine Brücke?“ brüllte der Troll, „Warte, ich komme und fresse dich!“

„Ich bin Tok, der Ziegenbock!“ rief der ganz ganz große und ganz ganz starke Ziegenbock. „Ich habe spitze Hörner am Kopf und scharfe Hufe am Fuß. Komm nur, du Tropf!“

Und der Troll kam.

Da senkte der ganz ganz große und ganz ganz starke Ziegenbock namens Tok seine Hörner und gab dem Troll mit seinen spitzen Hörnern einen Stoß und mit seinen scharfen Hufen einen Tritt.

Wiiiiiiiitsch flog der Troll in den Fluss hineiiiiiiiiiiin. Plaaaatsch!

Und wwuuuuuuusch! nahm das reißende Wasser ihn mit sich, trug ihn weiter und weiter fort.

Die drei Ziegenböcke, die alle drei Tok hießen, wanderten hinauf ins Gebirge. Sie fraßen Kraut und Kräutlein, bis sie dick und kugelrund waren.

Und wenn sie nicht wieder mager geworden sind ---

Dann sind sie heute noch dick und kugelrund.

Und nun ist die Geschichte aus von Tok, dem Ziegenbock,

und Tok, dem Ziegenbock,

und Tok, dem Ziegenbock.

Tok, Tok, Tok

Märchen aus Norwegen


13 Fliegen

Es war einmal in einem kleinen Dorf ein Weber, der war faul wie ein Hund.

 

Man hörte ihn niemals arbeiten an seinem Webstuhl. Und doch waren seine Waren schöner als alle anderen.

 

Er arbeitete auch nie in seinem Garten und auch nicht auf dem Feld und niemals in seinem Weingarten.

 

Trotzdem erntete er jedes Jahr dreizehnmal mehr als seine Nachbarn.

 

Selbst seine Frau konnte sich nicht vorstellen, wie das zuging. Immer wenn sie auf dem Markt war, wurde sie ausgefragt und hatte doch keine Ahnung. Selbst nach sieben Jahren Ehe wusste sie nicht mehr als am ersten Tag. Eines Morgens sagte ihr Mann:

 

„Heute muß ich auf den Markt. Hüte das Haus, bis ich zurückgekommen bin.“

 

„Lieber Mann, ist gut.“

 

Der Weber ging fort. Aber seine Frau folgte ihm leise, ganz leise, wobei sie sich hinter Bäumen und Hecken versteckte. Als ihr Mann in einem Wäldchen angelangt war, zog er etwas aus der Tasche, versteckte es am Fuße eines Wacholderstrauches und ging weiter. Fünf Minuten später hatte die Frau das Versteckte schon gefunden. Es war eine Nuss, die war so groß wie ein Putenei und man hörte seltsame Stimmen daraus hervordringen.

 

„Bss, mach die Nuss auf, Bss, mach die Nuss auf. Wo ist die Arbeit? Bss, mach die Nuss auf.“

 

Schnell eilte die Frau mit ihrem Fund nach Hause und immer weiter hörte sie die Stimmen rufen:

 

„Bss, mach die Nuss auf, Bss, mach die Nuss auf. Wo ist die Arbeit? Bss, mach die Nuss auf.“

 

Die Frau öffnete die Nuss. Da krabbelten dreizehn Fliegen aus der Nuss heraus, die flogen im Zimmer herum und summten:

 

„Bss, wo ist die Arbeit? Bss, wo ist die Arbeit? Wo ist die Arbeit? Bss, wo ist die Arbeit?“

 

Die Frau erschrak:

 

„Ihr Fliegen, kehrt doch in die Nuss zurück!“

 

Sofort kehrten die Fliegen in die Nuss zurück, aber sie brummten:

 

„Bss, mach die Nuss auf, Bss, mach die Nuss auf. Wo ist die Arbeit? Bss, mach die Nuss auf.“

 

Der Frau war das unheimlich und sie brachte die Nuss zurück unter den Wacholderstrauch. Als der Weber am Abend vom Markt kam, sagte sie zu ihm;

 

„Mann, ich kenne jetzt dein Geheimnis. Ich weiß, wer für dich die Arbeit tut! Es sind dreizehn Fliegen, die du in einer Nuss gefangen hältst, - und die Nuss ist so groß wie ein Putenei.“

 

„Frau, das ist wahr, und da du nun alles weißt, so gib ihnen auch Arbeit. Sie werden alles tun.“

 

Von diesem Tag an brauchte die Frau nicht mehr zu arbeiten. Sie musste nur die Nuss öffnen und befehlen. Was auch die Arbeit war, die Fliegen taten es. Abspülen, die Wäsche waschen, den Boden fegen, die Toilette reinigen. Und dann kehrten sie sofort in die Nuss zurück, die die Frau unter ihrem Kissen versteckt hielt. Dort aber schrien sie immer:

 

„Bss, mach die Nuss auf. Bss, mach die Nuss auf. Wo ist die Arbeit? Bss, mach die Nuss auf.“

 

Bei diesem Gekreisch verlor die Frau irgendwann die Geduld. In ihrem Zorn gab sie den Fliegen die schwierigsten Aufgaben, Gardinen waschen, Fenster putzen, Unkraut jäten, das Haus neustreichen, aber die Fliegen verrichteten alle Arbeit schnell, kehrten dann in die Nuss zurück und schrien:

 

„Bss, mach die Nuss auf. Bss, mach die Nuss auf. Wo ist die Arbeit? Bss, mach die Nuss auf.“

 

Das hielt die Frau nicht mehr aus.

 

„Da ihr Fliegen, habt ihr sechs Siebe, und sechs durchlöcherte Fässer. Fliegt zum Fluss und bringt das ganze Wasser herauf.“

 

In einem Augenblick stand die ganze Gegend unter Wasser und der Fluss war trocken. Die dreizehn kehrten in die Nuss zurück und brummten:

 

„Bss, mach die Nuss auf. Bss, mach die Nuss auf. Wo ist die Arbeit? Bss, mach die Nuss auf.“

 

Da – endlich – kam der Mann vom Markt zurück.

 

„Lieber Mann, diese Fliegen werden mir noch den Kopf verdrehen. Ich werd' ganz verrückt von ihrem Brummen, Mach sie weg.“

 

„Liebe Frau, du sollst zufrieden sein. Ihr Fliegen, macht euch davon!“

 

„Bss, zähl uns den Lohn auf. Bss, zähl uns den Lohn auf.“

 

„Ihr Fliegen, im Wald draußen leben dreizehn Raben. Die nehmt zum Lohn für eure Mühe.“

 

Die Fliegen flogen fort in den Wald und nahmen die dreizehn Raben mit. Und seit dieser Zeit haben der Mann und die Frau sie niemals mehr gesehen.

 

Die Fliegen aber haben seit dieser Zeit nie wieder für die Menschen gearbeitet und wir Menschen müssen seitdem wieder alles alleine machen.

 

Doch die Fliegen wissen immer noch, wo die Arbeit ist. An jedem kleinen Schmutzhaufen in der Wohnung oder draußen, bald schon sitzt eine Fliege daran und brummt:

 

„Hier ist die Arbeit. Hier ist die Arbeit.“

 

Aus Frankreich

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Ein Bräutigam für Fräulein Maus

Ein Mauseelternpaar hatte eine Tochter, die sehr niedlich war. Mutter und Vater dachten, jetzt soll sie auch heiraten.

„Aber was für einen Mann finden wir für sie? Unsere Tochter ist süß, zierlich, freundlich, anspruchsvoll, gebildet, sie soll nur den stärksten Mann der Welt heiraten!“

Sie begannen zu suchen. Wer ist der Mächtigste? Die beiden dachten an die Sonne. 'Wir werden zu ihr hingehen und sie fragen, ob sie unsere Tochter heiraten möchte.'

Die Sonne strahlte vor Freude hell und golden, denn so eine kleine Maus, das ist was Nettes.

Sicherheitshalber fragte der Mäuserich noch einmal nach.

„Bist du auch wirklich der Stärkste der ganzen Welt? Du musst wissen, wir wollen sie niemandem anderen geben.“

Da schüttelte die Sonne den Kopf.

„Das habe ich nicht gewusst. Der Stärkste bin ich nicht, die Wolke, die sich immer vor mich schiebt und es dann regnen lässt, die ist stärker als ich. Ich kann dann scheinen, wie ich will, ich komme nicht durch.“

„Dann können wir dir unsere Tochter nicht geben. Wir brauchen den stärksten Mann, wir wollen die Wolke fragen.“

Die Wolke ist also mächtiger als die Sonne.

Für Mäuse wanderten sie ganz schön lange, als sie die Wolke erblickten.

„Huhu! Hallo!“

Die Wolke sank zu ihnen hinunter.

„Wolke, die Sonne hat uns erzählt, dass du stärker bist als sie. Wir wollen unsere Tochter aber dem Stärksten geben. Daher wollen wir dich fragen, ob du sie heiraten willst.“

„Es ist mir eine große Freude, dass ihr fragt. Aber ich bin gar nicht so stark, wir ihr denkt. Der Wind schiebt mich tagein tagaus über den Himmel, der ist viel stärker als ich.“

„Oh nein, das wussten wir nicht, entschuldige dass wir gefragt haben, aber sie soll nun einmal den stärksten Mann der Welt bekommen.“

Der Wind war also stärker als die Wolke, die stärker war als die Sonne.

Die Mäuse eilten zum Wind, der blies ihnen ordentlich entgegen und sie erkannten seine Kraft.

„Wind, heirate unsere Tochter! Sie ist etwas ganz Besonderes und sie soll nur den mächtigsten Mann der Welt bekommen!“

Auch der Wind hätte Fräulein Maus genommen, aber er war ehrlich.

„Ich bin nicht der stärkste. Viel stärker als ich ist die alte Mauer im Tal. Ich versuche sie schon seit Jahren umzupusten. Es gelingt mir nicht. Die Mauer ist das stärkste Wesen, das ich kenne.“

Also war die Mauer stärker als der Wind, der stärker als die Wolke war, die stärker als die Sonne war.

Da huschten die Mäuse zur alten Mauer. Sie war groß, breit und hoch.

„Der Wind hat uns geschickt. Er sagt, du seiest das stärkste Wesen der Welt, Mauer. Und unsere Tochter soll nur den Stärksten heiraten. Also nimmst du sie?“

Die Mauer fühlte sich geehrt.

„Ich danke euch und würde die kleine Maus auch gerne heiraten, aber schaut einmal diese Breschen in mir an, diese Löcher. Das ist der Büffel, der hier jeden Morgen seine Hörner wetzt. Der ist mir über und viel stärker. Wenn ich einmal umstürze, wird es sein Wirken sein, das meinen Fall verursacht.“

Hmm. Der Büffel ist stärker als die Mauer, die stärker ist als der Wind, der mächtiger ist als die Wolke, die kräftiger ist als die Sonne.

Da liefen die Mauseeltern zum Büffel.

„Büffel, Büffel!“

Der drehte sich um sich selbst, starrte herum und konnte die Mäuse erst gar nicht sehen. Aber die riefen immer weiter bis er sie entdeckte. Dann erzählten sie ihm, was sie von ihm wollten.

„Tut mir wirklich leid, liebe Mäuseeltern. Ich hätte eure Tochter gerne genommen, aber das alte Zugseil, mit dem man mich immer vor den Pflug oder den Wagen spannt ist viel stärker als ich. Ich kann seiner Kraft nicht entkommen. Das Zugseil müsst ihr fragen.“

Sie rannten in den Stall und fanden einen Strick, der in der Ecke lag. Das sollte das stärkste Wesen der Welt sein? Es lag da so schlaff herum.

Trotzdem fragten sie es.

„He, Zugseil, du bist der Stärkste, sagt der Büffel, daher sollst du unsere Tochter heiraten.“ Das Zugseil freute sich.

„Der Stärkste der Welt? Das hätt' ich nicht gedacht. Aber ich will gerne die kleine Maus heiraten.“

Aber da sah der Mausevater ein paar rissige Stellen am Seil, wie angebissen.

„Moment! Zugseil, wer hat dich da angenagt?“

„Das ist ein Mäusemann, der hier in seinem Loch haust. Wenn ich den einmal erwischen würde. Gegen den bin ich machtlos, der kommt jede Nacht und nagt an mir.“

„Dann ist der stärker als du! Wir können dir unsere Tochter nicht geben.“

Die Mäuse liefen zum Mäuserich und luden ihn zu sich ein.

Er war hübsch und kräftig. Da war Fräulein Maus ganz zufrieden.

 

Märchen aus Myanmar (Burma, Birma)


Einen Ochsen zerlegen

 

"Der Fürst Wen Hui hatte einen Koch, der für ihn einen Ochsen zerlegte. In der Bewegung seiner Hand, im Druck seiner Schulter, im Stemmen seines Knies und im Auftreten seines Fußes lag Takt und Rhythmus wie in der Musik des Maulbeerwaldes. Ritsch, ratsch, trennte sich die Haut und zischend fuhr das Messer durch die Fleischstücke.

Bewundernd sprach der Fürst: "Großartig, das nenne ich vollendete Kunst!"

Der Koch legte das Messer beiseite und antwortete, zum Fürsten gewandt: "Dein Diener liebt das Dao, das ist mehr als die vollendetste Geschicklichkeit. Als ich anfing, Ochsen zu zerlegen, sah ich nichts als Ochsen vor mir. Nach drei Jahren war ich soweit, den ganzen Ochsen mit den Augen zu zerlegen.

Heute erfasse ich den Ochsen mit dem Geist und nicht mit den Augen. Vom Wissen meiner Sinne bin ich abgekommen, ich folge nur noch den Regungen meines Geistes. Dabei folge ich den himmlischen Prinzipien, dringe in die großen Spalten ein und passiere die großen Hohlräume. Geschickt folge ich auch den kleinsten Zwischenräumen zwischen Muskeln und Sehnen, von den großen Gelenken ganz zu schweigen.

Ein guter Koch wechselt sein Messer einmal im Jahr, weil er schneidet. Ein gewöhnlicher Koch wechselt sein Messer jeden Monat, weil er hackt. Ich habe mein Messer nun schon 19 Jahre und schon viele tausend Ochsen damit zerlegt, und doch ist seine Klinge wie frisch geschliffen.

Nun haben die Gelenke feine Zwischenräume, des Messers Schneide hat jedoch keine Dicke. Was aber keine Dicke hat, dringt in die feinsten Zwischenräume ein, ungehindert, spielerisch, der Klinge genügend Platz lassend.

Darum habe ich mein Messer nun schon 19 Jahre und die Klinge ist so scharf wie frisch geschliffen.

Und dennoch, immer wenn ich an Gelenkverbindungen komme, sehe ich Schwierigkeiten. Vorsichtig gebe ich acht, sehe zu, wo ich halt machen muss und gehe ganz langsam weiter, das Messer nur unmerklich bewegend.

Plötzlich ist das Gelenk auseinander und fällt wie ein Erdkloß zu Boden. Dann richte ich mich auf, das Messer in der Hand, blicke mich nach allen Seiten um, zögere noch einen Augenblick und wische zufrieden das Messer ab und tue es beiseite."

Fürst Wen Hui sprach: "Vortrefflich! Ich habe die Worte eines Kochs gehört und natürliche Lebenspflege vernommen!"

 

 

Parabel aus dem dritten Buch des Zhuang Zi, Kap. 2

 


Fingerhütchen

Es war einmal ein junger Mann, der lebte in Irland. Er hatte einen großen Buckel auf dem Rücken und es sah so aus, als wäre sein Leib heraufgeschoben und auf seine Schultern gelegt worden. Dabei war ihm der Kopf so tief herabgedrückt, dass sein Kinn beim Sitzen fast seine Knie berührte. Die Leute in der Gegend fürchteten sich vor ihm, wohl weil er so fremd aussah, dabei war er freundlich gegen jedermann. Aus Angst vor ihm erzählten boshafte Leute seltsame Geschichten. Er kenne sich mit Kräutern aus, verstünde sich auf die Zauberei, alles Quatsch. Gewiss ist, dass er eine geschickte Hand hatte, Hüte und Körbe aus Stroh zu flechten, womit er sich auch sein Brot erwarb. Fingerhütchen war sein Spottname, weil er allzeit auf seinem Hut einen Zweig von dem roten Fingerhut oder dem Elfenkäppchen trug. Eines Abends wanderte Fingerhütchen von der Stadt Cahir nach Cappagh. Wegen des beschwerlichen Höckers auf dem Rücken kam er nur langsam voran und so war es schon dunkel, als er an das alte Hünengrab von Knockgrafton kam, welches rechter Hand am Wege liegt. Müde war er und musste doch noch so weit laufen. Er setzte sich unter den Grabhügel um ein wenig auszuruhen und schaute den Mond an, der eben voll an den Himmel stieg. Auf einmal drang eine fremdartige, unirdische Musik an seine Ohren. Er lauschte und ihm däuchte, er habe noch nie so etwas Entzückendes gehört. Es war wie der Klang vieler Stimmen, die sich eine zur anderen fügte und wunderbar einmischte, so dass es nur eine einzige zu sein schien, während doch jede einen besonderen Ton hielt. Die Worte des Gesangs waren diese:

 

"Montag, Dienstag,

Mittwoch, Donnerstag

und dieser Freitag ..."

 

Danach kam eine kleine Pause, worauf die Musik wieder von vorne anfing.

 

"Montag, Dienstag,

Mittwoch, Donnerstag

und dieser Freitag ..."

 

Wieder die Pause, dann begann es von vorne.

Fingerhütchen horchte aufmerksam und getraute sich kaum Atem zu schöpfen, damit ihm nicht der geringste Ton verloren ginge. Er merkte nun, dass der Gesang aus dem Grabhügel kam. Erst mochte er es gerne leiden, als es aber immer wieder wiederholt wurde und immer mit dieser unschönen Pause dazwischen, wurde er unruhig. Als dann wieder

"Montag, Dienstag,

Mittwoch, Donnerstag

und dieser Freitag ..."

 

gesungen wurde, benutzte er die kleine Pause, nahm die Melodie auf und führte sie weiter mit den Worten:

 

„Samstag und Sonntag!“

 

Dann fiel er mit den Stimmen in dem Hügel ein, sang

 

"Montag, Dienstag,

Mittwoch, Donnerstag

und dieser Freitag ..."

 

endigte aber statt der Pause mit seinem

 

"Samstag und Sonntag!“

 

Die Kleinen in dem Hügel, als sie den Zusatz zu ihrem Geistergesang vernahmen, ergötzten sich außerordentlich daran. Sie beschlossen Fingerhütchen zu sich zu holen, der so feine Musik erdenken konnte. Er wurde mit der kreiselnden Schnelligkeit des Wirbelwindes emporgehoben und in den Hügel hinab gesogen. Dort feierten die Elfen ein prachtvolles Fest, mit köstlichem Essen und Trinken, Öllämpchen und Kerzen und die Elfen tanzten und musizierten zu lieblichster Musik. Fingerhütchen schwebte fast und fühlte sich erstmalig leicht wie ein Strohhalm. Sie empfingen ihn auf das Freundlichste, nannten ihn einen Obermusikanten und gaben ihm den Ehrenplatz. Ein wenig bange wurde ihm, als er bemerkte wie die Elfen die Köpfe zusammensteckten und miteinander ratschlagten. Viel mehr konnte er nicht verstehen als

„Fingerhütchen, tuscheltuscheltuschel, Buckel, tuscheltuscheltuschel!“

Dann trat der Oberelf vor ihn und tönte:

"Fingerhut, Fingerhut!

Fass dir neuen Mut!

Sei lustig und munter,

Dein Buckel fällt runter,

Siehst ihn dort liegen,

Bist leicht wie die Fliegen,

Fingerhut, Fingerhut!“

 

Da fühlte Fingerhut, wie sich sein Höcker vom Leibe schnürte und auf den Boden fiel. Zwölf Elfen packten den Buckel und trugen ihn fort. Fingerhütchen hob vorsichtig seinen Kopf, achtete darauf nicht an die Decke zu stoßen, reckte sich und streckte sich! Das erste Mal in seinem Leben richtete er sich ganz gerade auf. Er freute sich, trank, sang und feierte mit den Elfen noch die ganze Nacht. Als er am nächsten Morgen erwachte, hörte er die Bienen summen, fühlte die Sonne auf seiner Haut, ein zarter Wind fächelte seine Wangen. Er schlug die Augen auf. Nach alter Gewohnheit fasste er als erstes nach seinem Buckel, aber der war fort. Er hatte nicht geträumt. Vorsichtig stand er auf, drehte sich um sich selbst, alles ging so leicht, und er war größer geworden! Außerdem trug er neue Kleider, die die Elfen ihm geschenkt hatten. Er lief nach Hause, sprang, hüpfte vielleicht das erste Mal in seinem Leben. Jedem, dem er unterwegs begegnete, erzählte er von den Elfen und dem verlorenen Buckel. Aber kaum einer mochte es glauben, kaum einer erkannte ihn mit erstem Blick. Ihr könnt euch denken, dass sich dieses Wunder herumgesprochen hat. Bald erzählte man im ganzen Land von Fingerhütchen und seiner Heilung. Eines Morgens saß Fingerhütchen gerade vor der Tür und flocht Körbe, als eine alte Frau vorbeikam.

„Wisst ihr den Weg nach Capagh?“

„Ihr seid gleich da!“

„Kennt ihr einen Mann namens Fingerhut?“

„Das bin ich selbst.“

Die Alte schaute ihn an.

„So ist es wahr, was man sich erzählt? Die Elfen haben euch den Buckel genommen?“

„So wahr, wie ich hier sitze!“

Da erzählte die alte Frau, sie habe einen Sohn, Hans Madden mit Namen, der habe auch einen gewaltigen Buckel. Vielleicht könnten die Elfen auch ihm helfen. Da erzählte Fingerhütchen natürlich. Von der Vollmondnacht, der Pause am Hügelgrab, dem Lied der Elfen, seinem Liedzusatz und er vergass auch nicht, die neuen Kleider, die die Elfen ihm geschenkt hatten, zu erwähnen. Die Alte war es zufrieden und ging wieder heim. Und ein paar Wochen später beim nächsten Vollmond saß Hans Madden unter dem Stein und wartete auf das Elfenlied. Hans war kein so freundlicher Kerl wie Fingerhütchen. Er war oft unzufrieden, heimtückisch, schnell genervt von seiner Mutter. Jetzt sitzt er da und wartet:

„Wann fängt das endlich mit dem Gesinge an? Ich will hier nicht die ganze Nacht lang sitzen. Die sollen mir den Buckel wegnehmen, mir die neuen Klamotten bringen und gut ist.“

Endlich ging der Mond auf und die Elfen begannen zu singen, schöner denn je. Sie hatten ja nun das ganze Lied zur Verfügung, sangen es mit Fingerhütchens Zusatz, dass es eine Freude war.

 

"Montag, Dienstag,

Mittwoch, Donnerstag

und dieser Freitag,

Samstag und Sonntag!“

 

Sie sangen es wie einen Rundtanz, immer und immer wieder, und jubelten ihr Lied in den Nachthimmel hinaus. Hans wurde immer ungeduldiger, hielt es kaum noch aus und als die Elfen es zum siebten Mal gesungen hatten, brüllte er ohne auf Melodie, Takt und Gesang zu achten, seinen Liedzusatz hinein:

 

„Sieben Tage, blöde Frage!“

 

Der Gesang der Elfen verstummte augenblicklich. Doch dann schwärmten sie wie ein wilder Wespenschwarm aus dem Hügel heraus, umringten Hans Madden, keiften, schrien und riefen:

„Wer hat unseren Gesang gestört? Wer hat unser Lied zerstört?“

Dann hob eine Zauberfaust Hans empor und trug ihn in den Hügel hinab. Die Elfen waren überhaupt nicht freundlich, kniffen ihn und schimpften.

Und der Oberelf trat aus ihrem Kreis auf Hans zu:

 

„Hans Madden, Hans Madden,

Deine Worte schlecht klangen,

So lieblich wir sangen,

Was wirst du erlangen?

Zwei Buckel für einen,

Hans Madden, Hans Madden!“

 

Zwölf Elfen trugen Fingerhütchens Höcker herbei und setzten ihn auf den Buckel des unglückseligen Hans Madden. So fest, als wenn er mit Zwölfpfennigsnägeln aufgenagelt wäre. Hans wurde ohnmächtig. Am andern Morgen erwachte er und lag am Fuß des Hünengrabes. Es regnete. Als seine Mutter ihn abholte hatte er statt eines Buckels deren zwei. Wenige Wochen später ist Hans Madden gestorben. Fingerhütchen lebte noch lange glücklich und vergnügt.

Und die Elfen? Sie singen das Lied auch heute noch. In einer anderen Sprache. Die liest sich dann so:

 

Da luan da Mort,

da luan da Mort,

augus da Cadine.

 

Aus Irland

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Frau Silulu und Herr Schapopo

In Tibet lebte einmal ein Ehepaar, Frau Silulu und Herr Schapopo.

Frau Silulu bedeutet Frau Fettkloß und Herr Schapopo heißt Herr Fleischklops.

Sie lebten in einer Jurte und besaßen ein paar Yaks. Jeden Morgen machte sich Herr Schapopo mit den Yaks auf den Weg zu den Weidegründen und Frau Schapopo kochte das Essen, putzte das Zelt, bearbeitete das Leder, nähte die Kleidung...

Wenn die Tiere das Gras in der Umgebung abgeweidet hatten, zogen sie weiter. Obwohl sie hart und täglich arbeiteten, zwar Yaks besaßen und sich kaum Ruhe gönnten, kamen sie auf keinen grünen Zweig. Schapopo hatte sich daher schon oft darüber gewundert, dass Silulu es immer wieder fertigbrachte, für den Abend ein nahrhaftes fettes Gericht zuzubereiten. Und es schmeckte ihm immer vorzüglich, er lobte sie oft für ihre Kochkünste.

„Wie macht sie das immer? Wie haben doch kaum Butter. Ich will der Sache einmal auf den Grund gehen.“

Eines Tages führte Schapopo die Yaks nicht ganz so weit fort, ließ sie dort und kehrte heimlich zur Jurte zurück. Er schaute durch einen Spalt in die Jurte hinein. Zuerst sah er nur das Erwartete. Silulu kochte sich einen Zwiebeltee und genoß ihn. Dann stand sie auf, feuerte an, stellte die schwere eiserne Pfanne auf das Feuer und dann sah Schapopo etwas so ungeheuerliches, dass ihm die Haare zu Berge standen. Er sah, wie Silulu sich ganz nackt auszog, einen Anlauf nahm und in die eiserne Pfanne sprang. Sie wälzte sich ein paar Mal hin und her und dann hüpfte sie wieder heraus und zog sich an. Die ganze Pfanne war voll Fett, sie war ja ein Fettkloß. Sie zog sich schnell wieder an und bereitete mit Gries und Kräutern ein leckeres Tsampagericht.

'So macht sie das also.' Er schlich sich zurück zu seinen Yaks. Als er aber abends nach Hause kam, sprach er zu ihr:

„Das alles ist doch sehr ungerecht. Wir Männer müssen jeden Tag hinaus auf die Weide, bei Wind und Wetter die Tiere versorgen. Ihre Frauen braucht nur im Zelt zu sitzen, dass Essen zu kochen. Wir wollen es einmal anders machen. Morgen gehst du einmal mit den Yaks auf die Weide und ich koche das Essen.“

Silulu ahnte Böses und wollte nicht. Er aber ließ keine Ruhe, immer wieder forderte er es.

Was sollte sie machen? Damals in Tibet mussten die Frauen noch tun, was die Männer befahlen.

Am nächsten Morgen sehen wir Silulu mit den Yaks fortziehen. Schapopo kochte sich erst einmal einen Zwiebeltee. Dann feuerte er an, setzte die eiserne Pfanne auf das Feuer und als sie erhitzt war, zog er sich, wie er es bei seiner Frau gesehen hatte, ganz nackt aus, nahm einen Anlauf, sprang in die heiße Pfanne – und blieb kleben, er war ja ein Fleischklops.

Er konnte sich nicht wieder losmachen und verbrannte in der Pfanne.

Als Silulu heimkam, fand sie ihren Mann tot und gebraten in der Pfanne. Sie hatte gar keine Zeit zu trauern. Wenn in Tibet jemand gestorben ist, braucht man schnellstens einen Lama, einen Priester, der die Totengebete spricht, durch die der Gestorbene sicher in die Gefilde des Jenseits geleitet werden kann. Sie ging also gleich wieder aus dem Haus.

Als erstes begegnete ihr Muku, die Taube.

„Silulu, was machst du noch draussen?“ fragte die.

„Ach, Schapopo ist tot und ich suche einen Lama, der die Totengebete sprechen kann.“

Ein Lama bekommt immer gutes Essen, wenn er zu Hilfe gebeten wird. Das wußte Muku.

„Du hast Glück, das du mich getroffen hast. Ich bin ein Lama.“

Doch Silulu war nicht dumm.

„Kannst du denn auch beten?“

Die Taube hatte keine Ahnung. Das sagte sie aber nicht, sondern drehte sich im Kreis, nickte mit dem Kopf und machte: „Muku, muku, muku!“ so wie unsere Tauben.

„Du bist kein Lama!“ erkannte Silulu klar, „Wenn du ein Lama wärest, wären alle Lamas!“

Sie zog weiter und begegnete Chaka, der Elster.

„Na Silulu, so spät noch unterwegs?“

„Schapopo ist tot und ich brauche einen Lama für die Totengebete.“

„Da hast du Glück, ich bin ein Lama, nimm mich mit.“

„Kannst du denn auch die Totengebete sprechen?“

Auch Chaka, die Elster, hatte keinen Schimmer. Doch das gab sie nicht zu.

„Chakachakachak!“ rief sie wie die Elstern bei uns.

„Du bist kein Lama! Wenn du ein Lama wärst, wären alle Lamas!“

Wieder mußte Silulu weiter. Sie traf Forok, den Raben.

Auch der gab mit seinen Fähigkeiten an. Doch als er die Probe bestehen mußte, vermochte er nur „Kra, kra!“ zu rufen.

„Du bist kein Lama. Wenn du ein Lama bist, sind alle Lamas!“

Silulu wanderte, es wurde schon dunkel, da sah sie Gowo, den Geier.

„Silulu, was machst du denn noch so spät und weit entfernt von deiner Jurte?“

Frau Silulu seufzte.

„Schapopo ist gestorben und ich suche dringend einen Lama.

„Da hast du wirklich Glück, liebe Silulu, ich bin ein Lama, ein sehr guter noch dazu.“

„Kannst du denn auch die Gebete sprechen?“

Nun hatte Gowo eine ganze Zeitlang in der Nähe eines Klosters gelebt und tatsächlich einiges mitbekommen. Er stellte sich auf und begann beschwörend zu singen:

„Tschang, dwang, weng! Drom, schom, pa!“

Silulu war ganz erleichtert. Endlich ein Lama, wie wunderbar!

„Komm bitte mit mir.“ Sie machten sich auf den Rückweg. Bei der Jurte angekommen, eilte Silulu gleich ins Zelt um ihrem Gast einen Kräuterjoghurt zu bereiten. Als sie mit dem Topf in der Hand hinaustrat, fragte Gowo:

„Sag einmal, wo ist eigentlich der Tote.“

„Aber ich habe die Pfanne doch vors Zelt...“ Jetzt sah Silulu es. Die Pfanne war leer.

„Uups!“ gluckste Gowo, „Und ich dachte, dass wäre mein Abendessen!“

Da wurde Silulu so zornig, dass sie den Joghurttopf nahm und ihn Gowo an den Kopf warf.

Seit dem Tag haben die Geier in Tibet weiße Hälse.

 

Tibet

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Freundesdienst

Jean und sein Nachbar Francois waren seit frühester Jugend Freunde.

Sie hatten ihre Höfe Seite an Seite aufgebaut. Zur Begrenzung hatten sie eine Reihe Apfel- und Weidenbäume gepflanzt. Sie waren gegenseitig Trauzeugen gewesen, die Kinder hatten zusammen gespielt. Wenn dem einen das Saatgut ausgegangen war, half der andere ihm aus. Wenn dem einen ein Werkzeug gebrochen war, lieh der andere ihm seins. Ihre Freundschaft war so, dass man in der Bretagne von solchen Freunden sagt, sie seien wie Vettern gewesen.

Und so könnt Ihr Euch denken, war Jean sehr traurig, als er vom Ableben seines Freundes hörte. Natürlich wollte er zur Beerdigung gehen. Aber auf dem Land ist das nicht so, wie bei uns in der Stadt, wo man sagt „Ich komme pünktlich.“ Man baute zu der Zeit in der Gegend noch Hanf an, und wenn der einmal geschnitten war, musste er eingeholt werden. Als Jean sich zur Trauerfeier bereit machte, schaute er aus dem Fenster und sah dunkle Wolken heraufdräuen.

„Frau, es wird Regen geben. Geh du für mich mit zur Beerdigung. Ich muss die Ernte einfahren. Entschuldige mich bei seiner Frau. Sie wird es verstehen und Francois auch.“

Er streifte die Arbeitskleidung über und machte sich aufs Feld. Als er gerade dabei war, den Hanf zusammenzuharken, hörte er die Glocken der nahen Kirche läuten und hielt in seiner Arbeit inne. Er gedachte seines Freundes, der nun zu Grabe getragen wurde.

Da sah er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er schaute auf die Baumreihe, die die Höfe trennte und erblickte eine männliche Gestalt. Sie ging von Baum zu Baum, prüfte die Rinde, schüttelte den Kopf, ging weiter zum nächsten. Der Mann sah fast so aus wie sein verstorbener Freund. Wenn Jean nicht ganz genau gewusst hätte, dass der gerade seinen letzten Segen... Wieder schüttelte der Mann den Kopf und ging zum nächsten Baum. Der trägt sogar einen Strohhut wie Francois... und sein schleppender Gang, gerade so wie Francois immer... Jean war jetzt sicher, und er war vorsichtig, denn mit Wiederauferstandenen ist manchmal nicht gut Kirschen essen. Da! Unter einer Weide war Francois stehen geblieben, hatte ins Geäst hinaufgelugt und weiß nicht wie; da saß er auf einem bleistiftdünnen Ästchen, viel zu zart um den lebenden Freund tragen zu können. Jetzt hielt Jean nichts mehr. Er ließ sein Werkzeug fallen und ging zum Baum.

„Du! Fanch, warum hast du dir denn so ein dünnes Ästchen ausgesucht? Hättest doch einen breiteren nehmen sollen.“

Er hörte die hohle Stimme seines Freundes:

„Es ist einem nach dem Tode nicht selbst bestimmt, wo man seinen Platz einnimmt.“

„Und wie lange musst du da oben sitzen bleiben?“

„So lange, bis der Ast groß genug ist um einem Werkzeug als Stil dienen zu können.“

Oh! Das schien Jean eine harte Strafe zu sein. Wie lange würde es dauern, bis das Ästchen groß genug gewachsen wäre, um zu einem Axt- oder Spatenstil werden zu können. Aber dann fiel ihm etwas ein.

„Warte hier, ich bin gleich zurück!“

Francois wäre eh nichts anderes übrig geblieben. Jean streifte die Holzpantinen von den Füßen und lief über das Feld zum Haus. Er kam bald zurück mit einem kleinen Schnitzmesser in der Hand und dem Spatel, den seine Frau immer für die Crepes benutzte um sie auf der Backplatte zu verstreichen. Ihr kennt das vom Jahrmarkt. Ein schneller Schnitt und Jean hielt das Ästchen in Händen. Francois blieb oben sitzen. Jean machte sich ans Schnitzen.

„Hat meine Frau mir doch schon vor Tagen gesagt, dass der Stiel zerbrochen ist und sie einen neuen braucht.“

Jetzt schiebt er den fertigen Stil in den Spatel.

„Kann ja wohl keiner behaupten, dass das kein Werkzeug ist, oder?“

Lächelnd wollte er Francois seine Arbeit zeigen, doch der war fort. Ein Duft von Geißblatt und Rosen erfüllte die Luft. Jean vernahm noch ein gehauchtes „Danke!“ und hoch über den Wolken erklang eine himmlische Musik.

 

Aus der Bretagne

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der Frosch u. d. Elefantenmädchen

Ein junger Froschjüngling dachte ans Heiraten. Aber wen?

Eine Fröschin? Igitt.

Eine Häsin? Wie absurd!

Eine Kröte? Wie komme ich nur darauf?

Eine Tigerin? Die wird mich zum Fressen gerne haben. Wie er noch überlegte, sah er eine Herde Elefanten an den Fluß kommen. Da sah er ein junges Elefantenmädchen, das gefiel ihm. Er hüpfte vom Seerosenblatt und schwamm zum Elefantenbullen.

„Quaaak!“

„Was willst du?“

„Ich möchte heiraten, gibst du mir deine Tochter zur Frau?“

„Natürlich nicht, du bist viel zu klein und unbedeutend um meine Tochter zu bekommen.“

„Das glaubst du jetzt!“ meinte der Frosch.

In der Nähe wohnte ein Zauberer. Jeden Morgen kam dessen Tochter an den Fluß um Wasser zu holen. Dort traf sie die anderen Mädchen des Dorfes und sie plauderten miteinander. Der Frosch hüpfte ungesehen in den Wassereimer der Tochter des Zauberers und sie trug ihn mit nach Hause.

Er sprang aus dem Eimer und vor den Zauberer.

„Quaak!“

„Was willst du?“

„Ich möchte die Tochter des Elfanten heiraten und brauche deinen Rat.“

„Wenn ich dir raten soll, mußt du mir ein Ei des weißen Krokodils bringen.“

„ Das mache ich. Kann deine Tochter mich zurück an den Fluß bringen?“

Die Zauberertochter brachte ihn zum Wasser zurück.

Der Frosch schwamm jetzt drei Wochen den Fluß hinunter. Endlich kommt er an das Haus des weißen Krokodiles. Kann man über Wasser nicht sehen, es ist unter Wasser aufgebaut.

„Quaak!“

„Was willst du?“

„Wird hier ein Koch gebraucht?“

„Wenn einer gut ist, dann gut, wenn nicht, brauchen wir gleich wieder einen, denn schlechte Köche fressen wir.“

Der Frosch wird als Koch angenommen. Und er kann es, die Krokodilfamilie ist zufrieden. In der Nacht stiehlt der Frosch ein Ei des weißen Krokodiles und schwimmt davon. Sechs Wochen braucht er flussaufwärts und überreicht dem Zauberer stolz das Ei des weißen Krokodiles. Die Tochter des Zauberers brät ihm ein Krokodilspiegelei und der Zauberer verspeist es.

„Gut! Höre, du willst das Elefantenmädchen heiraten. Der Vater des Mädchens wird es nicht wollen. Sage ihm, wenn du sie nicht heiraten darfst, wird der Fluß in drei Tagen austrocknen. Du aber schwimmst zur Quelle des Flusses. Dort sitzt dein Urururururgroßvater. Erzähl ihm alles, er wird wissen, was zu tun ist.“

Unser Frosch schwimmt drei Jahre lang flußaufwärts bis zur Quelle. Dort sitzt ein riesiger, uralter Frosch.

„Quaak!“

„Was willst du?“

„Ich möchte das Elefantenmädchen heiraten, aber sein Vater ist nicht einverstanden. Trockne bitte den Fluß aus.“

„Schwimm zurück und frag noch einmal, Enkelchen, in drei Tagen wird der Fluss trocken sein.“

Der Frosch eilt heim, springt zum Elefantenbullen.

„Quaak!“

„Was, du schon wieder, du lästiger Flutsch.“

„Wirst du mir jetzt deine Tochter geben?“

„Wenn du mir noch einmal in die Quere kommst, zerstampfe ich dich.“

„SO? Dann lasse ich dich dursten.“

Und drei Tage später ist der Fluß trocken. Der Großvater des Frosches hat alles Wasser aufgenommen. Die Tiere kommen zu den Wasserstellen und finden nur noch schlammige Pfützen. Sie schimpfen auf den Elefanten.

„Wenn wir sterben müssen, bist du Schuld daran. Aber vorher werden wir sehen, wie du als erster stirbst.“

Löwe, Tiger, Hyäne und Jaguar verbünden sich miteinander.

„Erst werden wir dem Elefanten das Fleisch von den Knochen abnagen, dieser Dickkopf. Sie mag den Frosch doch.“

Endlich, da endlich stampft der Elefant zu der Stelle, wo der Frosch sitzt.

„Mach, das endlich das Wasser wiederkommt!“

„Gibst du mir deine Tochter?“

„Ja, ja, ja, nimm sie dir, wenn sie dich will!“

Das Elefantenmädchen will den Frosch gerne haben, er ist mutig, weit gereist und widerspricht sogar dem Vater! Das ist ein richtiger Mann.

„Nimm mich auf deinen Rücken, liebe Frau und trage mich an die Quelle des Flusses.“

Nach einem Tag sind sie schon dort.

„Quaak!“

„Ja mein Enkelchen?“

„Schau, hier ist meine Frau!“

„Dann kann ich das Wasser ja wieder fließen lassen.“

Und der Großvater öffnete sein Maul und das ganze Wasser strömte wieder in das Flußbett.

Es war so viel Wasser und strömte so schnell, wie sonst nur zur Regenzeit. Die Tiere mußten aufpassen, nicht zu ertrinken.

Der Frosch und das Elefantenmädchen aber lebten glücklich und zufrieden. Sie bekamen viele Kinder. Das waren die Nilpferde.

 

Märchen aus Brasilien

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Fuchs und Tiger

Eines Tages hatte ein hungriger Tiger einen Fuchs gefangen um ihn zu fressen. Er hielt ihn am Genick gepackt und wollte ihn gerade zu Tode schütteln, als er der Fuchs zwischen den Zähnen herauspresste:

„Genau so machte es einst Euer Vater mit mir!“

„Wie, du kennst meinen Vater, Fuchs?“

„Natürlich, wir waren beste Freunde miteinander. Oft scherzten wir miteinander, wie ihr es gerade tut.“

„Erzähl mir von meinem Vater! Was weißt Du von ihm?“

„Eines Tages fand ich ihn am Rande einer Schlucht. Tief war sie und ein reißender Bach durchtoste die Schlucht. Warte hier auf mich, befahl er mir, er würde dreimal hinüber und wieder zurück springen und mich dann fressen. Seine Bewegungen waren majestätisch, seine Fell glänzte und seine Muskeln trieben ihr mächtiges Spiel, genau wie die Eurigen.“

Der Tiger fühlte Stolz in seiner Brust, ob dieses großen Ahnen.

„Zeige mir die Schlucht, ich will es genau so wie mein Vater halten. Erst werde ich springen und dann dich fressen.“

Doch als sie an die Schlucht anlangten, war sie breit und tief. Der Tiger konnte sich nicht entschließen hinüber zu springen.

„Genau so zögerte Euer Vater, prüfte sorgfältig, erwog und dann sprang er.“

Der Tiger wich vom Rand der Schlucht zurück, verlängerte den Anlauf, aber er verharrte.

„Genau so bedachte sich euer Vater, ihr gleicht ihm aufs Haar auch in eurem Verhalten.“

Nun sammelte der Tiger alle seine Kräfte, jagte er auf den Rand der Schlucht zu, sprang weit, stürzte doch in die Tiefe hinab und brach sich alle Knochen im Leib.

Der Fuchs nahm einen verborgenen Saumpfad und lief zu den Felsen auf denen der Tiger zerschellt war.

„Genau so machte es euer Vater und starb auf den Felsen auf denen ich ihn dann verspeist habe."

 

Fabel aus Usbekistan

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf

Quelle: Der halbe Kicherling, Usbekische Märchen, Taube Jacob, Reclam 1990

er gibt an: Usbel chalq ertaklari. Minora va lajlak, H. Razzoqov, Taschkent 1973


Gengoro

Da war einmal ein junger Mann namens Gengoro. Der liebte es, auf die Jagd zu gehen oder zu angeln. Einmal war er weit gewandert und kam an einen See . Er entdeckte eine große Anzahl von Wildenten auf dem Wasser und ärgerte sich. Er hatte sein Jagdgerät zu Hause gelassen. Doch dann sah er ein paar Kieselsteine am Ufer liegen, sammelte sie auf, schlich an die Enten heran und warf mit den Steinen nach ihnen. Er traf etliche und ging um den See herum um sie aufzusammeln. Es waren so viele. Da er sie nicht alle auf seinen Armen tragen konnte, band er sie sich an den Gürtel. Jetzt schleppte er sich heim. Die ungewohnte Last strengte ihn an und er wurde müde. Unter einem hohen Baum legte er sich für ein paar Minuten aufs Ohr. Kaum schlief er, erwachten die Enten wieder zum Leben. Sie flatterten auf, fühlten sich gefangen und starteten durch. Vom Flugwind erwachte Gengoro. Er erkannte sofort in welcher Gefahr er sich befand und hielt still. Die Enten durch das ungewohnte Gewicht beschwert, wurden schnell kraftlos. Sie ließen sich auf einem hohen Kakibaum nieder. Gengoro hielt sich an einem Ast fest, zog sich hinauf und schnitt seinen Gürtel durch. Die Enten flogen davon.

„Hier sitz ich nun, ich armer Gengoro. Wie komme ich nur runter?“

Der Baum war viel zu hoch um hinunter zuspringen und der Stamm viel zu glatt zum Klettern. Drei buddhistische Mönche kamen vorbei und hörten sein Jammern.

Sie verneigten sich vor ihm und dem Baum.

„Gengoro, können wir dir helfen?“

„Ach wie soll das geschehen, ach wie komme ich nur hinunter.“

Einer der Männer zog sein scharlachrotes Gewand aus, sechs Mönchsfäuste packten das Tuch und riefen hinauf:

„Spring nur hinunter Gengoro, wir fangen dich in diesem Tuch auf!“

„So seh ich aus! Mach ich nicht! Wie kommt ihr drauf?“ Doch da die Mönche darauf bestanden, fasste sich Gengoro ein Herz, ließ sich langsam an den Armen hinunterbaumeln und dann ließ er los. Und wie die Mönche es versprochen hatten, sie fingen seinen Körper auch ganz richtig auf. Sein Kopf aber ditschte an einen Felsen und zerbrach in mehrere Stücke. Die Mönche waren sehr betroffen. Dann zerriß der eine sein Gewand in lange Binden. Sie setzten den Kopf Gengoros vorsichtig zusammen und umwickelten ihn mit den Stoffbahnen. Anschließend trugen sie ihn nach Hause. Nach so einer Operation braucht man seine Ruhe. Gengoro schlief drei Tage lang. Als er erwachte, konnte er nichts sehen. Verwirrt griff er sich an den Kopf und erfühlte die Binden. Er schob sie auseinander, kniff die Augen vor der Helligkeit zusammen, kam auf die Füße und taumelte zum Badezimmerspiegel.

„O weh, was ist geschehen?“ Vorsichtig löste er die Bahnen und stand vor dem Spiegel. Da bemerkte einen kleinen grünen Trieb, der hinter seinem rechten Ohr nach oben wuchs. Er sah, wie schnell der Trieb größer wurde. Äste entwickelten sich und dann entfalteten sich kleine Blüten. Er konnte dabei zusehen, wie aus seinem Kopf ein Kakibaum wuchs. Er drehte und wendete sich vor dem Spiegel. Jetzt blühte er in voller Pracht. Ein Schwarm Bienen schwebte zum offenen Fenster hinein. Sie kosteten die Kakiblüten und flogen wieder hinaus. Die Blattknospen öffneten sich und die Blütenblätter fielen ab und jetzt, ja ist denn das möglich, rundeten sich kleine Früchte! Sie wurden größer, der Baum übrigens auch und da – nun wurden die Früchte rot.

„Ein Kakibaum wächst auf meinem Kopf. Wie wunderbar! Die Früchte kann ich ernten und auf dem Markt anbieten!“

Er versuchte die ersten reifen Früchte zu pflücken. Er kam nicht mehr heran. Der Baum war weitergewachsen. Er hielt den Kopf schief, er versuchte im Hüpfen zu pflücken. Nichts ging.

Da nahm er eine Leiter, lehnte sie an seine Schulter, kletterte hoch und pflückte die Früchte alle ab. Er machte sich auf den Weg zum Markt. Als er dort anlangte, schauten die Leute ihn ehrfürchtig an.

„Frische Kakis von Gengoros Kopf! Leute kauft frische Kakis von Gengoros Kopf!“ Die Leute fragten ihn:

„Sind die alle auf deinem Kopf gewachsen?“ Gengoro schüttelte sein belaubtes Haupt und der Baumwipfel rauschte. Da rissen sie ihm die Ware aus den Händen. Er machte sich, reich wie nie, auf den Heimweg. Doch der Baum wuchs immer weiter, sein Kopf neigte sich nach vorne, seine Schultern verspannten sich und wenn er erst heimkäme, müsste er mit dem Kopf voran durch die Haustür und ob der Baum nicht schon zur Hintertür wieder hinauswäre, wenn er erst die Diele betreten hätte...

Er traf die drei buddhistischen Mönche.

„Na Gengoro, geht es dir gut?“

„Ich kann nicht recht loben, doch auch nicht richtig klagen, aber der Kakibaum auf meinem Kopf wächst immer weiter, ist mir auch recht schwer geworden.“

„Nun mein Lieber, wir sind ja eigentlich schuld an deinem Problem. Muss uns doch beim Zusammensetzen deines Hauptes ein Kakibaumsamen mit hineingekommen sein. Wir wollen den Baum absägen.“

Sie besorgten ein Werkzeug und sägten Gengoro den Baum bis auf den Stumpf ab. Dann verabschiedeten sich sich freundlich lächelnd. Gengoro ging heim. Ihm war leichter zumute.

Da eine solche Operation aber erschöpft, ruhte er auch diesmal wieder drei Tage.

Beim Erwachen war ihm flau zumut. Schwindelig setzte er sich auf, dann erhob er sich, torkelte zum Spiegel und staunte. Auf seinem Kopf waren rund um den Baumstumpf Pilze gewachsen!

Shitake, Champignons, ein Fliegenpilz war wohl auch dabei.

„Das ist ja wundervoll, Pilze! Die kann ich auf dem Markt verkaufen!“

Schnell ergriff er ein Körbchen und brach die Pilze von seinem Baumstumpf ab und lief auf dem Markt.

„Frische Pilze von Gengoros Kopf, frische Pilze von Gengoros Kopf!“

Die Leute staunten ihn an.

„Wirklich? Sie sind auf deinem Kopf gewachsen?“

„Ja, was, meint ihr auf meinen Füssen?“

Sie kauften ihm den Korb leer. Das Geld klimperte in seinen Taschen, als Gengoro heimschlenderte. Da begegneten ihm die drei buddhistischen Mönche.

„Na Gengoro, alles gut?“

„Nicht gut, nicht schlecht, aber dieser Baumstumpf ist doch sehr hinderlich und diese Pilze haben mich verwirrt.“

Wieder bekamen die Mönche Mitleid und sie baten Gengoro, sich ihnen zuzuneigen. Sie ergriffen den Baumstumpf und mit vereinten Kräften zogen sie ihm den Baumstumpf aus dem Kopf. Mit einem schmatzenden Geräusch löste sich der Stumpf und Gengoro konnte sich wieder aufrichten. „Ihr Herren, herzlichen Dank! Nie war mir so leicht zumute, nie so leer. Vielen Dank!“

Er ging heim und legte sich Schlafen. Und klar, so eine Veränderung bedarf der Ruhe. Nach drei Tagen erwachte Gengoro und setzte sich in seinem Bett auf. Dabei vernahm er ein Gluckern und Glucksen. Neugierig erhob er sich und ging zum Spiegel. Zunächst konnte er's nicht glauben. Er erblickte auf seinem Kopf einen See und Büsche umstanden den Teich und Enten schwammen auf seinem Wasser und Karauschen schwammen darin hin und her.

„Das ist ja wundervoll. Da brauche ich nur zu Angeln!“ Er tat es.

Und am nächsten Tag saß er auf dem Markt und pries seine Ware an.

„Frische Fische aus Gengoros Kopf! Leute kauft Fische aus Gengoros Kopf!“

Die Leute kamen langsam näher.

Und dann kauften sie ihm den Stand leer. Gengoro wanderte heim. Er begegnete noch einmal den drei buddhistischen Mönchen.

„Na, alles gut mit dir, Gengoro?“

„Alles bestens, ihr Herren und vielen Dank noch einmal. Nie war mir so klar im Kopf, nie konnte ich bis auf den Grund blicken. Endlich. Danke!“

Fröhlich verabschiedeten sich die Mönche. Gengoro ging heim. Ob er noch lebt? Man weiß es nicht. Es gibt in Japan ein Dorf, dass selbst in der schlimmsten Dürrezeit immer genug Wasser auf den Reisfeldern hat. Vielleicht ist er dort zum Gott geworden und spendet täglich frisches Wasser aus seinem Haupt.

Aber das will ich noch sagen, am Anfang der Geschichte lebt Gengoro davon , dass er anderen Lebewesen das Leben nimmt. Am Ende der Geschichte jedoch schöpft er aus sich selbst. Ist das nicht fein?

 

Märchen aus Japan

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Herr Hansaemon

In Japan lebte einmal ein dicker Kaufmann namens Hansaemon. Er liebte es nach Feierabend eine Schale Reiswein zu trinken. Seine Diener hatten ihm den Wein erhitzt und Herr Hansaemon saß dann im Schneidersitz auf seiner Reismatte und genoß den Wein. Über die Jahre wurde sein Bauch immer größer und seine Lust auf Reiswein auch. Eines Tages ließ er sich eine Lackschale anfertigen, die eine ganze Flasche Reiswein fasste. Einmal hatten ihm seine Diener wieder seine Schale mit Reiswein gefüllt. Er nahm sie mit beiden Händen, schloss die Augen und schlürfte den Wein. Eine Fliege flog durch den Raum. Vorwitzig ließ sie sich auf dem Rand der Schale nieder. Herr Hansaemon trank den Wein. Da purzelte die Fliege in den Wein und er schluckte sie mit hinunter. Die Diener hatten noch versucht sie zu verscheuchen, doch zu spät. Doch Herr Hansaemon hatte immer gute Laune, wenn er Reiswein getrunken hatte, er schimpfte nicht mit ihnen.

Als er sich aber zur Ruhe begab, sich in sein Bett legte, in sich hinein zu horchen begann, da hörte er die Fliege in seinem Bauch summen. So konnte er nicht schlafen, er stand wieder auf und begab sich zu Doktor Kuemon.

„Doktor Kuemon, ich habe eine Fliege verschluckt, die summt in meinem Bauch herum. Das ist nicht angenehm.“

Der Doktor lächelte.

„Das will ich selbst hören.“ Er nahms ein Stetoskop und horchte Herrn Kuemon ab.

„Sie haben eine Fliege im Bauch!“

„Deshalb bin ich doch zu Ihnen gekommen, Doktor Kuemon.“

„Fliege verschluckt, Fliege verschluckt. Es wird das Beste sein, wenn sie einen Frosch verschlucken. Der fängt dann die Fliege und es ist Ruhe im Bauch.“

Herr Hansaemon bedankte sich und ging zur Apotheke.

Er erstand einen kleinen, grünen, sauberen Medizinalfrosch. Herr Hansaemon öffnete seinen Mund und nahm ihn gleich ein. Als er sich dann zu Hause wieder in sein Bett legte, hörte das Summen tatsächlich bald auf. Doch jetzt begann der Frosch in seinem Bauch herumzuhüpfen, hin und her, und schließlich begann er auch noch zu quaken.

Herr Hansaemon war entsetzt. Er ließ sic h gleich wieder zu Doktor Kuemon bringen.

„Herr Doktor, der Frosch, den sie mir verordnet haben, er hüpft in meinem Bauch herum und manchmal quakt er auch, es ist kaum auszuhalten!“

Der Arzt redete vor sich hin: „Frosch verschluckt, Frosch verschluckt. Ich habe es! Nehmen Sie einfach eine Schlange zu sich, die wird den Frosch erwürgen und dann hört das Quaken und Hüpfen auf.“

Sofort ließ sich Herr Hansaemon zur Apotheke bringen und kaufte eine Schlange, so eine, wie sie auf jedem Apothekenschild zu finden ist. Er führte sie gleich ein.

Aber als er wieder zu Hause war, zur Ruhe kam, hörte er ein leises „zzzzz“ und „ssssss“. An Schlaf war nicht zu denken. Die Schlange zischelte und begann sich in seinen Därmen zu winden. Es tat weh. Er hielt sich den Bauch und hielt es nicht mehr aus. Er stand auf und schleppte sich zu Doktor Kuemon.

„Doktor Kuemon, die Schlange, die sie mir verschrieben haben, sie windet sich in meinen Gedärmen, sie zischt und schmerzt, es ist kaum auszuhalten. Tun Sie etwas, ich bitte Sie!“

Der Doktor wiegte bedenklich seinen Kopf. Er nahm sein großes Medizinalbuch zur Hand.

Er suchte, las im Register:

„Schlange im Bauch, Schlange im Bauch. Ah ja, so geht es. Sie sollten umgehend, schnellstens, auf der Stelle ein Wildschwein verschlucken, dass zerstampft die Schlange und das Ringeln und Zischeln hat ein Ende.“

Ein Wildschwein zu besorgen war nicht einfach.

In der ersten Apotheke hatten sie nur Wildschweintabletten. In der zweiten immerhin Wildschweinsalbe, in der dritten Apotheke Wildschweinzäpfchen. Erst in der vierten hatte der Apotheker ein Wildschwein im Kühlfach. Der Apotheker nahm es heraus und überlegte noch, wie er es in Herrn Hansaemon hineinapplizieren könnte, da wand und würmte sich die Schlange in Herrn Hansaemon, so dass der seinen Mund vor Schmerz weit aufriss. Der Apotheker schob das Wildschwein in Herrn Hansaemon Mund hinein, drückte, presste und Herr Hansaemon brachte es endlich hinunter. Kaum war er zu Hause fing das Wildschwein an in seinem Bauch zu rumoren. Das Zischeln und Ringeln war schnell vorbei, aber jetzt begann das Schwein zu stampfen und zu wühlen. Es tat Herrn Hansaemon so weh. Es war kaum auszuhalten. Und dann grunzte es auch noch. Das war nicht schön. Herr Hansaemon konnte gar nicht mehr selber laufen, der Arzt musste einen Hausbesuch machen.

Er trat ins Zimmer und sah Herr Hansaemon. Er wusste sofort Bescheid.

„Sie müssen schnellstens, einen - - - Jäger verschlingen, der wird das Wildschwein schießen und dann ist Ruhe im Bauch!“

Aber einen Jäger gibt es nicht in der Apotheke, den muss man im Walde sammeln.

Herr Hansaemon sandte seinen Diener los, in den Wald, einen Jäger zu besorgen. Bald kam auch einer mit dem Gewehr ins Krankenzimmer und Herr Hansaemon fragte nicht lange, griff nach ihm, packte den Jäger und verschlang ihn mitsamt Gewehr. Nicht lange, so hörte man im Bauch von Herrn Hansaemon die Schüsse des Jägers. Er schoss und schoss und mit dem letzten Schuß erlegte er das Schwein. Aber da hatte der Jäger keine Kugel mehr um sich selbst aus dem Bauch herauszutreffen.

Und seit dem Tag sitzt in Herrn Hansaemons Bauch ein Jäger.

Und manchmal hört man in noch, nach den Mahlzeiten,

wie er im Bauch von Herrn Hansaemon nur mit Pulver herumschießt.

 

Aus Japan

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Käthe Knacknuss

Es war einmal ein König, der hatte eine schöne Tochter namens Anne. Er hatte sich von seiner Frau getrennt und eine andere Frau geheiratet. Die hatte auch eine hübsche Tochter namens Kate. Doch die Königin war neidisch auf die Schönheit von Anne und überlegte, wie sie sie verderben könnte. Sie ging zur zauberkundigen Hühnerfrau in die nahe Schlucht und bat sie um Rat. Die sprach:

„Schicke deine Tochter Anne morgen früh zu mir Eier holen. Achte darauf, dass sie nüchtern zu mir kommt, dass sie nichts gegessen hat. Dann werde ich ihrer Schönheit abzuhelfen wissen.“

Am nächsten Morgen schickte die Königin ihre Tochter Anne noch vor dem Frühstück zur zauberkundigen Hühnerfrau. Anne machte sich auf den Weg, nahm aber den Hinterausgang des Palastes durch die Küche. Der Koch war gerade dabei, die Kanten vom Brot abzuschneiden, der König liebte das Brot ohne Rinde. Anne nahm ein paar Brotkanten mit auf den Weg und aß sie – da war sie nicht mehr nüchtern. Als sie zum Häuschen in der nahen Schlucht kam, klopfte sie an die Tür. Die Hühnerfrau öffnete:

„Königstochter, Schönste, komm herein, nimm den Deckel von dem Topf und schau', was drinnen ist!“

Anne trat ein, über dem Feuer hing ein Kessel. Sie trat an den Topf, hob den Deckel ab, drinnen brodelte es grünlich. Sie schnupperte ein wenig und es geschah – nichts. Da wusste die Hühnerfrau, dass Anne etwas gegessen hatte.

„Richte deiner Mutter aus, wenn man ein Feuer entfachen will, muss man auch ein Zündholz an das Stroh halten!“ und wollte ihr auf diese Weise zu verstehen geben: 'Königin, du musst besser aufpassen, deine Tochter hat etwas gegessen, so geht der Zauber nicht.'

Die Königin verstand und am nächsten Morgen begleitete sie ihre Tochter bis zum Palasttor. Da konnte Anne nicht mehr durch die Küche und sie konnte keine Brotkanten mehr naschen. Aber sie lief durch die Gärten und dort waren die Gärtner gerade damit beschäftigt Zuckererbsen zu ernten und sie schenkten der schönen und beliebten Königstochter ein paar Erbsen auf den Weg. Da hatte sie wieder etwas gegessen, war wieder nicht nüchtern. Und bei der Hühnerfrau angekommen:

„Anne, Königstochter, Schönste, komm herein. Nimm den Deckel vom dem Kessel und schau' nach, was drinnen ist.“

Anne trat an den Kessel, hob den Deckel ab und es geschah – wieder nichts. Da war die Hühnerfrau recht zornig.

„Sage deiner Mutter, das ein Topf mit Wasser nur kocht, wenn man ihn auf ein Herdfeuer stellt!“

Und auch diesmal verstand die Königin. Am nächsten Morgen begleitete sie Anne bis zur Tür der zauberkundigen Hühnerfrau und diesmal konnte Anne nichts mehr essen.

„Anne, Königstochter, Schönste, nimm den Deckel von dem Topf und sieh' nach was drinnen ist.“

Anne ging zum Topf, hob den Deckel hoch und schnupperte. Da fiel – schwupps – ihr hübscher Kopf ab, - wuamm – saß ein Schafskopf oben drauf. Da war Anne recht traurig. Sie getraute sich erst in der Dämmerung zurück zum Schloss zu laufen und als sie ankam warf sie ein Steinchen ans Fenster ihres Zimmers. Kate hörte das, schaute hinaus und sah ihre Schwester mit einem Schafskopf. Kate erschrak, nahm dann ein reines Tuch, lief nach unten und hüllte den Kopf ihrer Schwester darin ein. Dann verließen sie das Schloss der Eltern, hier war ihres Bleibens nimmer. Sie wanderten drei Tage und drei Nächte und gelangten am Morgen des vierten Tages an ein anderes Schloss. Dort wohnten ein König und seine beiden Söhne. Sie baten um Unterkunft und durften bleiben. In diesem Schloss gab es ein Geheimnis. Einer der beiden Prinzen lag krank auf den Tod. Und wer eine Nacht am Bett des Prinzen Wache hielt, war am nächsten Morgen verschwunden, keiner wusste wohin. Der König war so verzweifelt, das er erklären ließ:

„Wer eine Nacht am Bett des Prinzen Wache hält und am nächsten Morgen noch da ist, bekommt einen Scheffel voll Silber.“

Kate war ein mutiges Mädchen. Sie wollte Wache halten. In der folgenden Nacht setzte sie sich ans Bett des kranken Königssohnes. Um Mitternacht erhob sich der Prinz, kleidete sich an, stieg die Treppe zum Pferdestall hinab. Kate schlich hinter ihm her, er bemerkte nichts von ihr. Der Prinz sattelte sein Lieblingspferd, pfiff nach seinem Lieblingshund und saß auf. Kate sprang hinter ihn auf das Pferd, er bemerkte sie immer noch nicht, und sie galoppierten davon, in den Wald, immer tiefer hinein. Unterwegs pflückte Kate von den Bäumen ein paar Nüsse. Schließlich gelangten sie an eine Lichtung auf der sich ein großer grüner Elfenhügel erhob. Der Prinz rief mit lauter Stimme:

„Öffne dich, öffne dich, Hügel grün, und lass' den jungen Prinzen ein mit seinem Pferd und seinem Hund!“ Da rief Kate:

„Und die Dame hinter ihm!“

Der Hügel tat sich auf, ein warmes Licht quoll heraus, eine wundersam Musik erscholl und drei schöne Feen traten zu dem Prinzen. Sie führten ihn in den Hügel hinein zum Tanz. Kate schlich ihnen nach und verbarg sich hinter der Tür. Sie sah den Prinzen tanzen und tanzen, er tanzte die ganze Nacht. Kein Wunder, dass er am Tage blass und krank auf seinem Lager ruhte, wenn er das jede Nacht tat. Und sie sah ein Feenkind, dass spielte mit einem Zauberstab. Sie hörte eine Fee zur anderen sagen:

„Drei Schläge mit diesem Zauberstab und die schafsköpfige Anne bekäme ihren hübschen Kopf wieder.“

Da nahm Kate von den Nüssen, die sie unterwegs gepflückt hatte und rollte eine dem Feenkind zu. Als das das Nüsslein erblickte, ließ es den Zauberstab fallen und tapste der Nuss hinterher. Kate packte den Zauberstab und verbarg ihn unter ihrer Schürze. Und in der Morgendämmerung sehen wir die beiden zum Schloss zurückreiten, der Prinz hat Kate immer noch nicht bemerkt. Unterwegs pflückte sie wieder ein paar Nüsse. Auf dem Schloss legte sich der Prinz wieder in sein Bett. Der König kam am Morgen, sah seinen Sohn blass und krank auf dem Lager ruhen, Kate aber saß am Kamin und knackte - ? - genau. Kate war die erste, der es gelungen war, eine Nacht am Bett des Prinzen Wache zu halten und am nächsten Morgen noch da zu sein.

„Herr König, wenn ich noch eine Nacht am Bett des Prinzen Wache halten kann, dann möchte ich einen Scheffel voll Gold bekommen.“ Der König war so verzweifelt, dass er einwilligte. In der folgenden Nacht, dieselbe Geschichte, der Prinz erwacht um Mitternacht, steht auf, zieht sich an, steigt zum Pferdestall hinab, sattelt sein Lieblingspferd, pfeift nach seinem Lieblingshund, Kate immer hinter ihm her, er hat sie nicht bemerkt, dann reiten sie gemeinsam in den Wald hinaus. Unterwegs pflückt Kate - ? - ... richtig!

Auf der Lichtung angekommen ruft der Prinz abermals:

„Öffne dich, öffne dich, Hügel grün, und lass' den jungen Prinzen ein, mit seinem Pferd und seinem Hund!“

„Und der Dame hinter ihm!“

Und wieder öffnete sich der Hügel, die Musik erklang, das Licht schien hinaus und die drei wunderschönen Feen kamen und führten den Prinzen zum Tanz. Kate hat sich wieder hinter der Tür versteckt, doch gar nicht mehr richtig hingesehen, sie wusste ja, der Prinz tanzt doch nur die ganze Nacht, aber sie beobachtete das Feenkind. Diesmal spielte es mit einem toten Vögelchen und sie hörte, wie eine Fee zur anderen sagte:

„Drei Bissen von diesem Vögelchen, und der kranke Prinz wird ganz gesund.“

Da nahm Kate alle Nüsse, die sie gepflückt hatte und rollte sie dem Feenkind zu. Als das die Nüsslein kollern hörte, staunte es, ließ das Vögelchen fallen und wackelte hinter den Nüssen her. Kate packte das Vögelchen und verbarg es unter ihrer Schürze. Der Morgen graut und die beiden reiten wieder zurück, der Prinz hat Kate immer noch nicht bemerkt.

Kate pflückt von den Bäumen an denen sie vorüber reiten ein paar... -? -, jawohl, und als sie auf dem Schloss sind, legt sich der Prinz ins Bett, und als der König kommt, da findet er seinen Sohn blass und krank, aber Kate sitzt am Kamin und knackt … Nüsse!

„Herr König, wenn ich euren Sohn heilen kann, dann möchte ich den Prinz auch heiraten.“

Der König überlegt, Kate ist eine Königstochter und sie hat zwei Nächte Wache halten können, er ist einverstanden. Da nimmt Kate den Zauberstab, läuft zu ihrer Schwester und gibt ihr drei Schläge auf den Schafskopf, – wuomm – fällt der Schafskopf ab und - schwupps, wächst ihr hübscher Kopf aus Annes Hals wieder heraus. Und dann bereitet Kate dem Prinzen das Vögelchen zu. Der erwacht, schlägt die Augen auf und fragt:

„Was ist das für ein köstlicher Duft? Könnte ich von dieser Speise kosten?“

Sie gibt ihm einen Happen, da setzt sich der Prinz in seinem Bett auf.

„Wenn ich mehr bekäme, würde ich mich schon viel besser fühlen.“

Da bekommt er einen zweiten Bissen. Der Prinz schwingt die Beine aus dem Bett und setzt sich auf die Bettkante.

„Also, wenn ich noch ein Stückchen bekomme, werde ich ganz gesund sein.“

Da gibt sie ihm das dritte Stück, der Prinz schluckt, springt aus dem Bett, geht hin zu Kate, umarmt sie und gibt ihr einen dicken Kuß.

Und als der König nachschaut, findet er die beiden - am Kamin sitzen und Nüsse knacken.

Da hat der König sich an sein Versprechen gehalten. Kate heiratete den Prinzen und die ehemals schafsköpfige Anne bekam den Bruder. Sie feierten ein großes Hochzeitsfest.

 

Und sie lebten glücklich und sie lebten gut

und tranken niemals aus 'nem trockenen Hut.

 

Märchen aus England

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der Knabe auf dem Baum

Ein Junge trieb jeden Tag die Schweine in den Wald, darüber wurde er achtzehn Jahre alt. Er hatte noch nichts von der Welt gesehen als den Wald und seine Schweine.

Eines Tages geriet er in einen Teil des Waldes, wo er noch nie gewesen war. Da waren Bäume, die viel höher waren, als anderswo. Er sah einen Baum, der so hoch wuchs, dass sein Wipfel sich in den Wolken verlor.

„Boh!“ dachte der Junge, „Wenn ich den hinaufkletterte, könnte ich die ganze Welt von oben sehen.“ Er ließ die Schweine alleine Eicheln suchen und begann zu klettern. Er kletterte und kletterte. Als es Mittag wurde, hörte er das an den Glocken tief unten und er sah es am Sonnenstand. Aber er war noch nicht einmal bei den untersten Ästen angekommen. Am Abend, als es anfing zu dunkeln, erreichte er einen Stutz, so lang wie sein Arm, der sich in die freie Luft hinausstreckte. Daran band er sich mit seinem Gürtel fest und schlief so ein.

Früh am nächsten Morgen kletterte er weiter.

Gegen Mittag kam er dann endlich an das erste Astwerk. Er erkannte die Zeit am Sonnenstand, denn die Glocken konnte er schon nicht mehr hören. Hungrig und müde kletterte er weiter. Jetzt ging es leichter im Gezweig, doch der Baum war groß. Er konnte nicht einmal mehr den Himmel sehen. Als es zu dämmern begann gelangte er in eine Stadt mitten in den Ästen. Da waren Straßen, Plätze, Wagen fuhren, Reiter ritten, Passanten liefen auf den Gehwegen. Die Menschen in der Stadt wunderten sich, ihn zu sehen.

„Wo kommst du her?“ fragte ihn einer.

„Von unten!“

„Da hast du eine weite Reise hinter dir. Wo willst du denn hin?“

„Ich will zur Spitze des Baumes, ist es noch weit?“

„Sehr weit, bleib wenigstens die Nacht hier.“

„Nein, ich muss noch ein Stück weiter.“

Er bekam etwas zu essen gereicht und schlenderte durch die Stadt. In einer menschenleeren Straße kam er an einem prächtigen Haus vorbei. Da öffnete sich ein Fenster. Ein schönes Mädchen schaute heraus. Er stand und starrte, so schön war sie. Sie winkte ihn heran. Er erschrak.

„Was möchtest du?“

„Bleib bei mir!“ Ihre Stimme war so schön, so klar.

Noch nie hatte ihn ein Mädchen angesehen.

Teils war er froh, teils fürchtete er sich.

Und er wollte doch weiter, hoch, die Welt von oben sehen!

Er drehte sich um und lief aus der Stadt heraus. Obwohl nun schon die Lichter angezündet wurden, kletterte er höher.

Kurz bevor es dunkel wurde, erreichte er noch ein großes Dorf. Die Leute schlossen gerade die Hoftore. Jeder glotzte ihn an. Ein freundlicher Bauer bot ihm ein Bett an, zu essen und zu trinken. Er blieb nicht, nahm Brot und Käse und war schon wieder auf dem Weg. Aus dem letzten Haus, das stattlich auf einem Hügel stand, winkte ihm wieder ein Mädchen zu. Es war fast so schön, wie das aus der Stadt. Ja, war es nicht dasselbe Mädchen, vielleicht ein bisschen älter?

„Bleib bei mir,“ sagte sie mit einer süßen Stimme. Aber der Junge sagte:

„Ich muss nach oben. Auf dem Rückweg, auf dem Rückweg komme ich. Erst muss ich zur Spitze und die Welt sehen.“

Die ganze Nacht tastete er sich hinauf. Der Schrei von wilden Katzen erschreckte ihn. Große Vögel hackten nach ihm. Als die Sonne aufging, kam er an ein einzelnes Haus. Behaglich stand es da und aus seinem Schornstein stieg der Rauch. Nebenan weideten die Kühe. Eine alte Frau fegte den Weg vor dem Haus. Bei seinem Anblick hielt sie inne.

„Wo kommst du denn her?“

„Von unten.“

„Aus dem Dorf?“

„Nein, tiefer.“

„Aus der Stadt?“

„Nein, tiefer.“

„Gibt es denn da noch tiefer etwas?“

Die Frau war ganz bestürzt.

„Ich will zur Spitze des Baumes. Wie weit ist es denn noch bis dahin?“

„Weit, sehr weit, komm ins Zimmer und iss etwas.“

„Reich mir ein Brot heraus. Ich will keine Zeit verlieren.“

Er ging. Als er sich noch einmal umdrehte und das Haus von rückwärts besah, erblickte er wieder an einem Fenster ein Mädchen. Sie winkte ihm. Sie war nicht so schön wie die früheren und hatte traurige Augen. Aber sie hatte doch goldene Haare und volle, rote Lippen. Und wie? War es nicht wieder dasselbe Mädchen, nur noch ein paar Jahre älter? Der Junge winkte zurück und dachte:

'Hier kann ich ja auf dem Rückweg einkehren.'

Er begann wieder zu klettern. Später am Abend kam er an eine Hütte, deren Dach ein wenig zerfallen war. Weiße Schafe lagen in dem kargen Gras, obwohl hier oben ein kühler Wind wehte.

„Das Dach könnte man richten,“ dachte der Junge, während er die Hütte ansah, „und aus der Schafwolle könnte man sich eine warme Jacke machen.“

Da sah er hinter dem einzigen Fenster noch einmal das Mädchen. Jetzt war es ganz offensichtlich, es war immer dasselbe Mädchen. Nun hatte sie ein ganz vergrämtes und verblühtes Gesicht, und während sie ihm winkte und ihm zulachte, weinten dicke Tränen aus ihren Augen.

'Wie schön wäre es jetzt,' dachte der Junge bei sich, ' neben dem Mädchen am Feuer zu sitzen und ihre Hand in meiner zu fühlen.'

Aber da schien gerade der Mond durch die Äste.

„Je schneller ich oben bin, desto eher kann ich bei ihr sein.“ Er winkte nicht einmal zurück und tat, als ob er nichts gesehen hätte. Lange, lange kletterte er weiter.

Bis wieder der Tag anbrach. Da war kein Haus, da war nichts Menschliches mehr zu sehn. Nur die Vögel sangen noch und flogen mit ihm. Gegen Mittag hatte er auch die Vögel hinter sich gelassen. Nun war er ganz allein. Kein Laut, nichts bewegte sich. Er fing an, sich zu fürchten. Er bekam Lust, wieder hinunterzusteigen. Aber er dachte:

'Ich bin so hoch gekommen, jetzt will ich auch ganz hinauf.'

Am Abend hatte er auch wirklich das Ende des Baumes erreicht.

Und was war nun? Sonne und Himmel waren ebensoweit wie unten! Er sah die ganze Welt von oben, aber was sah er? Wälder und Felder, Städte und Dörfer dazwischen und alles so klein, dass er doch so gut wie nichts sah. Alles, woran er vorbei geklettert war und alles was er erlebt hatte, war wie ein Lied unter ihm verklungen. Als ob er es nur geträumt hätte. Wie? Fast konnte er sich nicht mehr darauf besinnen. Jetzt will er hinunter. Nur noch ein wenig ausruhen und dann hinunter. Aber sieh, ihm ist ja ein Bart gewachsen, ganz weiß. Der Bart fällt ihm von den Händen herunter, die im Schoß liegen. Seine Hände sind gelb geworden, fleckig und zerrissen wie uraltes Leder. Er ist alt geworden, uralt. Schon hört er den Totenvogel rufen. Wie schnell geht das alles! Er will den Kopf wenden, um den Vogel zu sehen - zu müde. So müde. Der Kopf sinkt ihm in den Schoß. Er will die Augen aufhalten. Sie fallen ihm zu. Gerade noch kann er die Hand ans Herz heben, da hört das Herz auf zu schlagen.

 

Märchen aus Deutschland

Nacherzählt von Jörn-Uwe Wulf


König Mu und der Zauberer des Westens

 

Zur Zeit des Königs Mu vom Hause Dschou kam einmal ein Zauberer aus dem äußersten Westen. Der konnte durch Feuer und Wasser gehen, Metall und Stein durchdringen, er konnte Berge versetzen und Flüsse dazu bewegen, ihren Lauf zu verändern. Er konnte den leeren Raum besteigen und gegen Festes stoßen ohne Widerstand zu finden. Und hatte er die Gestalten der Dinge verändert, so wandelte er zudem noch in den Gedanken der Menschen.

Köig Mu empfing ihn wie einen Gott. Er räumte seine Gemächer um ihn zu beherbergen, er ließ Opfertiere darbringen und wählte Sängerinnen aus um ihn zu ergötzen. Dem Magier waren die Gemächer zu dürftig, von den Speisen erbrach er sich, und die Haremsdamen waren ihm zu bockigt (meint hier zu sinnlich, zu scharf, Juw). Er nahte sich ihnen nicht.

Da ließ König Mu ihm einen neuen Palast bauen, höher als die umgehenden Berge, er ließ die Wände mit Gold überziehen und als der Palast fertig war war auch seine Schatzkammer leer. Jetzt ließ er junge Frauen aus den entlegensten Ecken des Reiches kommen. Sie wurden geschmückt, geschult in Gesang und Tanz! Jeden Morgen erhielt der Magier die feinsten Gewänder, die viele Schneider über Nacht extra angefertigt hatten. Und in den Küchen bereiteten die besten Köche des Reiches die erlesensten Speisen zu.

Doch der Zauberer des Westens interessierte sich nicht für den Gesang, den Tanz und die Frauen, die Gewänder trug er höflich, und die Speisen mied er.

Nach einigen Tagen sprach er: „König, möchtest du einmal meinen Palast besuchen?" - „Ja, Herr." - „Dann halte dich an meinem Rocksaum fest." Jetzt erhoben sich die Beiden und der Zauberer flog mit dem König zum Himmel hoch. Dort gelangten sie an das Schloss des Zauberers. Es war aus Gold und Silber gebaut, und mit Perlen und Edelsteinen geschmückt. Es ragte über Wolken und Regen empor und man konnte nicht erkennen worauf es ruhte. Des Königs Blick erschien es wie aufgetürmte Wolken. Dem König war sehr wohl im Wolkenschloss. Wenn er zu seinen Schlössern hinunter schaute, konnte er gar nicht begreifen, wie er es solange dort unten in diesen Schmutzhaufen hatte aushalten können. Jahre über Jahre weilte der König im Wolkenschloss. Einmal sprach ihn der Zauberer an. „König, möchtest du nun mein zweites Schloss sehen?” „Ja, Herr." „Dann halte dich an meinem Rocksaum fest!"

Und nun nahm der Zauberer ihn zu einem Plast mit , der wie eine strahlende Kugel im All hing. Der König sah nur noch Gold und Licht in mitten kaum fassbarer Schwärze. Er musste die Augen schließen vor diesem Strahlen. Wenn er sie vorsichtig öffnete sah er lichte Gestalten um sich schweben, seine Ohren vernahmen Klänge als würde die Göttin selbst die Welten singen. König Mu verlor das Gefühl für sein und sich, er bemerkte, wie seine Körpergrenzen sich aufzulösen begannen, im letzten Moment rief er: „Herr! Bitte - zurück!"

Und König Mu begann zu fallen, ein tiefer äonenlager Sturz.

Als er wieder zu sich kam, fand er sich auf seinem Sessel im Thronsaal wieder. Da waren seine Diener, die gerade die Speisen halb verzehrt abtrugen, neben ihm saß der Zauberer. Sein Becher war nicht leer, die Speisen noch nicht kalt. Er zog den vertrautesten Diener beiseite. „Was ist passiert?" „Der König saß einen Augenblick stumm."

Da verlor der König sich selbst und kam erst drei Wochen später wieder zu sich. Dann fragte er den Zauberer: „Herr, was geschah in jener Nacht?" Der Magier antwortete:

„Wir reisten im Geiste miteinander, König, wozu bedurften wir da unserer Körper? Das Schloss das wir besuchten ist genauso wirklich wie das Schloss in dem Du wohnst, dein Schloss hier ist genauso wahr wie mein Wolkenschloss. Alles ballt sich, alles löst sich auf. Was dir wie Jahre schienen, währte nur Sekunden."

Der König verbrachte Jahre seines Lebens damit, diese Erkenntnisse zu verstehen.

 

Nacherzählt von Jörn-Uwe Wulf aus:

Liä Dsi, Das wahre Buch vom quellenden Urgrund

 

 

Ein Gedanke des Magiers (von mir auf meine Verständnismöglichkeit runtergebrochen), den ich mir an die Geschichte klebe ohne ihn live zu erzählen:

Du, o König, bist gewöhnt an dauernde Zustände und daher argwöhnisch gegenüber sich plötzlich in nichts auflösende Erscheinungen. Aber die höchste Stufe von Verwandlungskraft kann in einem Augenblick das in uns Vorgebildete verwirklichen.

Das haben wir vielleicht alle schon einmal in uns erlebt, wenn sich etwas erfüllt oder eintrifft von dem wir im Nachhinein erkennen, es war schon in uns angelegt.

 

 


Kolobok

Groß­vä­ter­chen und Groß­müt­ter­chen lebten in einem Häuschen.

Einmal bat Groß­vä­ter­chen: "Groß­müt­ter­chen, back mir doch ei­nen Ko­lo­bok, einen schönen, schönen Pfannkuchen."

"Wor­aus soll ich ihn backen? Wir ha­ben kein Mehl mehr.“ meinte die Großmutter.

"Ach, Groß­müt­ter­chen, feg den Kü­chen­schrank aus, schüt­tel’ die Mehl­tü­te aus; viel­leicht bringst du ge­nug Mehl zu­sam­men."

Groß­müt­ter­chen nahm ein Federchen, feg­te den Kü­chen­schrank aus, schüt­tel­te die Mehl­tü­te aus und brach­te an die zwei Hand­voll Mehl zu­sam­men. Das tat sie in eine große runde Schüssel. Sie rühr­te den Teig mit Sahne an, sie buk ihn in But­ter und als er fertig war, leg­te sie den Kolobok, (Was war noch mal ein Kolobok?) ans Fen­ster zum Ab­küh­len.

Da lag der Ko­lo­bok und lag und lag.

Auf einmal beginnt er zu rol­len, hin und her. Er roll­t von der Fen­ster­bank auf den Stuhl, vom Stuhl auf den Bo­den, rollt über den Bo­den zur Tür, den Flur entlang. Er hüpft über die Türschwelle auf die Straße, immer weiter, und noch weiter - bis er aufs freie Feld gelangt.

Der Ko­lo­bok roll­te und roll­te, da be­geg­ne­te ihm der Ha­se:

"Ko­lo­bok, Ko­lo­bok, halt! Ich will dich fres­sen!"

"Friss mich nicht, Ha­se mit den langen Ohren! Ich will dir auch ein Lied­chen sin­gen.“ Und der Ko­lo­bok (Was war noch mal ein Kolobok?) sang dem Hasen ein Lied:

„Aus dem Kü­chen­schrank ge­fegt,

aus der Tü­te ge­schüt­telt,

mit Sahne ge­rührt,

in But­ter ge­backen,

ans Fen­ster gestellt,

bin ich Groß­vä­ter­chen ent­wischt,

bin ich Groß­müt­ter­chen ent­wischt,

und dir Hase...

werd' ich auch gleich ent­wi­schen!“

Und er roll­te wei­ter. Schon sah der Ha­se ihn nicht mehr!

Der Ko­lo­bok roll­te und roll­te, da be­geg­ne­te ihm der Wolf:

"Halt, Ko­lo­bok! Halt! Ich will dich fres­sen."

"Friss mich nicht, grau­er Wolf! Ich will dir auch ein Lied­chen sin­gen.“

Und er sang:

„Aus dem Kü­chen­schrank ge­fegt,

aus der Tü­te ge­schüt­telt,

mit Sahne ge­rührt,

in But­ter ge­backen,

ans Fen­ster gestellt,

bin ich Groß­vä­ter­chen ent­wischt,

bin ich Groß­müt­ter­chen ent­wischt,

bin dem Hasen entwischt,

und dir Wolf, pass' nur auf...,

werd' ich auch gleich entwischen!“

Und er roll­te wei­ter. Schon sah der Wolf ihn nicht mehr!

Der Ko­lo­bok roll­te und rollte. Da tritt hinter einem Baum ein Bär hervor.

"Halt mal, Ko­lo­bok! So halt doch mal, Kleiner! Kolobok, ich will dich fres­sen!"

"Wie willst du denn, tap­si­ger Bär, mich krie­gen?“ rief der Kolobok. „Ich sing dir mein Lied, wie den anderen auch und dann hau ich ab!“ Und er sang ihm sein Lied:

„Aus dem Kü­chen­schrank ge­fegt,

aus der Tü­te ge­schüt­telt,

mit Sahne ge­rührt,

in But­ter ge­backen,

ans Fen­ster gestellt,

bin ich Groß­vä­ter­chen ent­wischt,

bin ich Groß­müt­ter­chen ent­wischt,

bin dem Hasen entwischt,

bin dem Wolf entwischt,

und dir Bär (gleich bin ich weg,)

werd' ich auch gleich entwischen.“

Und wie­der roll­te er wei­ter. Schon sah der Bär ihn nicht mehr!

Der Ko­lo­bok roll­te und roll­te. Da be­geg­ne­te ihm der Fuchs. Er verneigte sich vor dem Kolobok.

"Gu­ten Tag, Ko­lo­bok! Wie hübsch du bist!"

"Komm mir nicht so, Fuchs. Ich weiß genau, was du willst, Fuchs. Du willst mich fres­sen, wie die anderen auch, Fuchs. Aber das wird dir nicht gelingen. Ich sing dir mein Lied und dann bin ich weg!“ Und der Kolobok sang sein Lied:

„Aus dem Küchenschrank gefegt,

aus der Tüte geschüttelt,

mit Sahne ge­rührt,

in But­ter ge­backen,

ans Fen­ster gestellt,

bin ich Groß­vä­ter­chen ent­wischt,

bin ich Groß­müt­ter­chen ent­wischt,

bin dem Hasen entwischt,

bin dem Wolf entwischt,

bin dem Bä­ren ent­wischt,

und dir, Fuchs, werd ich auch gleich ent­wi­schen!"

"Was für ein hüb­sches Lied", sag­te der Fuchs, "Schade, dass ich schon ein bisschen älter bin und nicht mehr rich­tig hö­ren kann. Setz dich doch auf meine Nase, lieber Ko­lo­bok, und sing mir das Lied noch ein­mal, aber viel lau­ter!"

Der Ko­lo­bok überlegte. 'Kann man ja mal machen', dachte er, sprang hoch, setz­te sich dem Fuchs auf die Nase und sang sein Lied noch ein­mal, aber viel lauter:

„Aus dem Küchenschrank gefegt,

aus der Tüte geschüttelt,

mit Sahne ge­rührt,

in But­ter ge­backen,

ans Fen­ster gestellt,

bin ich Groß­vä­ter­chen ent­wischt,

bin ich Groß­müt­ter­chen ent­wischt,

bin dem Hasen entwischt,

bin dem Wolf entwischt,

bin dem Bä­ren ent­wischt,

und dir, Fuchs, wirst schon sehen,

werd ich auch gleich ent­wi­schen !"

"Oh, guter Ko­lo­bok, was für ein schönes Lied. Ich glaube, es ist das schönste Lied der Welt! Ich würd' es gar zu ger­ne noch ein­mal hö­ren. Setz dich doch auf meine Zunge und sing es ein al­ler­letz­tes Mal", bat der Fuchs.

Und der dumme, dumme Kolobok (Was war noch mal ein Kolobok?), er sprang dem Fuchs auf die Zunge, – der Fuchs machte „Happ!“ - und fraß ihn auf.

Aber im Bauch, da hat er wei­ter­ge­sun­gen:

„Aus dem Küchenschrank gefegt,

aus der Tüte geschüttelt,

mit Sahne ge­rührt,

in But­ter ge­backen,

ans Fen­ster gestellt,

bin ich Groß­vä­ter­chen ent­wischt,

bin ich Groß­müt­ter­chen ent­wischt,

bin dem Hasen entwischt,

bin dem Wolf entwischt,

bin dem Bä­ren ent­wischt,

und dir, Fuchs,

bin ich leider nicht entwischt!"

Ein Märchen aus Russland

neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf

* Ein Kolobok ist ein russischer Pfannkuchen, vielleicht wie unsere Berliner Pfannekuchen?


Das Licht

Das Licht

Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wußte er nicht, wem von beiden er das Reich vererben sollte.

[Füllung: "Ach ich weiß nicht, so sprach er, "was soll nur werden, Wie weiß ich, wer der beste von beiden für die Menschen in meinem Reich ist. ]

Er ließ seine Ratgeber zu sich kommen. Sie dachten lange nach.

[Füllung: Der erste Minister sprach: "Laß sie um die Wette laufen, der schnellere von beiden soll König sein." - Der zweite Minister sprach: " Laß sie um die Wette kochen, wer gut kochen kann, kann auch gut regieren." - Der dritte Minister sprach: "Laß sie Musik machen, wer musiziert, ist vertraut mit der Harmonie des Alls.

Endlich wußte der Älteste Rat.

Und am folgenden Tag ließ der König seine Söhne zu sich rufen. Er gab jedem von ihnen fünf Silberstücke und sprach zu ihnen: "Wem es gelingt, mit diesen fünf Silberstücken den ganzen Thronsaal zu füllen, dem will ich das Reich und meine Königskrone vererben. Was ihr dafür erwerbt ist eure Sache."

Der älteste Sohn ging davon und kam an einem Zuckerrohrfeld vorbei. Die Erntearbeiter waren gerade dabei das Zuckerrohr zu ernten. Sie schnitten das Rohr und das Stroh warfen sie auf große Haufen. Das ganze Feld war voller Zuckerrohrstroh. Da dachte sich der Königssohn: "Dies ist eine gute Gelegenheit, den Thronsaal billig zu füllen." Er kaufte das ganze Stroh und ließ auf zwei Wagen zum Palast bringen. Schon am Nachmittag war der Saal mit dem Stroh angefüllt. Dann ging er zu seinem Vater und sprach zu ihm: "Vater ich bin fertig. Du kannst mich zu deinem Nachfolger ernennen, denn es ist mir gelungen, den ganzen Thronsaal mit Stroh aufzufüllen. Das kann mein Bruder nimmermehr."

Doch der Vater antwortete: "Es ist noch nicht Abend. Ich werde warten."

Es dauerte nicht lange, da kam auch der zweite Sohn. Doch hatte er keinen Wagen bei sich, führte keinen Packesel und trug keinen Sack. Womit wollte er den Thronsaal füllen? In seiner Hand trug er nur einen Kerzenleuchter und eine Kerze.

Er kam in den Thronsaal des Vaters und sah das viele nutzlose, leere Stroh. Er bat den Vater, es aus dem Saal entfernen zu lassen. Der Vater rief seine Diener und die hatten viel damit zu tun, die Halle von dem Stroh zu befreien. Als dies gelungen war, nahm der zweite Sohn die Kerze, stellte sie in die Mitte des Raumes auf den Fußboden. Dann entzündete er sie.

Und seht, ihr heller Glanz verbreitete sich bis in die hinterste dunkelste Ecke des Saales!

Da sprach der Vater: "Du, mein Sohn, sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat fünf Silberstücke ausgegeben und die Halle mit nutzlosem Zeug gefüllt. Du aber hast nicht einmal ein Silberstück ausgegeben und die Halle mit dem angefüllt, was die Menschen am meisten brauchen:

Mit Wärme und mit Licht."

 Und so geschah es.

 Aus mehreren Quellen zusammenerzählt von Jörn-Uwe Wulf


Mönch und Erdbeere

Ein Zenmönch wandelte einmal einen Kiesweg entlang.

Tief in seine Meditation versunken, kickte er einen auf seinem Weg liegenden Stein fort. Auf einmal, hellwach geworden, stoppte er. Er hatte den Aufprall des Steines nicht gehört. Nun schaute er genau auf den Weg und schrak entsetzt zurück. Er war gerade vor einem tiefen Abgrund zum Halten gekommen. Ein Schritt weiter und er wäre hinuntergestürzt. Erleichtert atmete der Mönch auf.

Da vernahm er hinter sich ein Grollen. Sich umwendend erblickte er einen gewaltigen Tiger, der sich schon nach ihm die Lefzen leckte. Nun ist, auch für einen gemeinhin in Gelassenheit und Ruhe dahin wandelnden Zenmönch der Anblick eines hungrigen Tigers etwas Beunruhigendes und der Mann tat einen unvorsichtigen Ausfallschritt in die falsche Richtung. Er rutschte, immer schneller werdend, in die Tiefe hinab. Verzweifelt suchte er nach Halt. Da war ein Zweig, er hielt sich fest. Abermals atmete der Mönch tief durch, als er unter sich ein zweites Grollen vernahm. Nach unten schauend erkannte er einen zweiten Tiger, der schon auf ihn wartete.

Er hing nun zwischen Tiger und Tiger und sein Atem beruhigte sich allmählich. Auf einmal sah er eine kleine schwarz-weiß gestreifte Maus aus einer Höhlung des Abhanges heraus schlüpfen. Sie schaute den Tiger über ihm, dann den Tiger unter ihm an - und dann begann dieses kleine Biest den Ast zu durchnagen, an dem er hing. Hilfesuchend blickte sich unser Mann nach einem anderen Halt um. Da sah er eine kleine grüne Erdbeerpflanze, viel zu zart um Halt spenden zu können. An ihr hing eine reife, rote Erdbeere. Der Mönch reckte sich danach, pflückte sie und führte sie zum Mund. Die Frucht schmeckte köstlich, süß und fein. Da dachte unser Mann bei sich:

„Was ist das Leben köstlich, süß und fein.“

 

 

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Patali-Putra mit den Schwänen

Am Tor der Ganga lebte einst ein Brahmane mit seiner Frau. Er hatte drei Söhne. Nach einiger Zeit starb seine Frau. Da machten sich die Söhne auf den Weg und wanderten zur Universitätsstadt um dort die Wissenschaften zu erlernen.

Auf dem Weg dorthin gelangten sie an eine Stadt am Meer. Dort wohnten sie im Haus eines Brahmanen. Der hatte drei Töchter. Drei junge Männer, drei junge Frauen, es dauerte nicht lange und sie verliebten sich ineinander. Man wurde sich einig und bald gab es eine große Dreifachhochzeit im Hause. Der Vater schenkte den drei Paaren sein Haus und sein ganzes Vermögen und ging ans Ufer des Ganges um zu büßen und so verschwindet er aus unserer Geschichte.

Während die drei mit ihren Frauen im Haus des Schwiegervaters lebten, kam eine Dürre ins Land gefolgt von einer einer bitteren Hungersnot.

Da verließen die drei Männer ihre Frauen und gingen fort. Das Schicksal ihrer Gemahlinnen rührte sie nicht.

Die mittlere der Frauen aber war schwanger. In das Haus zog große Not ein, die Zeit verging und die mittlere gebar einen Sohn. Die drei Schwestern gaben dem Kind gemeinsam all ihre Liebe und das Kind wuchs auf, als habe es drei Mütter.

Einmal wandelten der Gott Shiva und seine Gemahlin Parvati auf dem Himmelspfad einher. Durch ein Wolkenloch schaute Parvati auf jene Stadt, jenes Haus und die drei Mütter und das Kind in jener Stadt am Meer. Mitleid erfüllte ihr Herz, als sie die aufopfernde Liebe der drei Frauen fühlte.

„Sieh einmal, o Herr, diese drei Frauen, wie sie das Kind lieben und versorgen, aber sieh auch, wie arm sie sind, kannst du ihnen nicht helfen?“

Von seiner Geliebten so aufgefordert, sprach der Gott: „Den kenne ich, in einem früheren Leben habe ich mich schon einmal über ihn und seine Gemahlin gefreut. Daher ist er diesmal zum Genuß seiner früheren guten Taten auf die Welt gekommen. Seine damalige Frau ist auch gerade wiedergeboren worden, als Prinzessin Patali. Sie soll auch in diesem Leben seine Frau sein.“

„Das ist gut, mein Gemahl, aber kannst du auch etwas tun, dass ihnen schneller hilft?“

„Na gut, dann soll er Putraka heißen und in zwanzig Jahren König dieser Stadt werden.“

„Das ist weise, mein göttlicher Gemahl, aber kannst du nicht etwas tun, dass ihnen schon heute aus der Not hilft?“ Parvati ließ nicht locker.

„Na, gut, dann soll er halt an jedem Morgen seines Lebens hundert Goldstücke unter seinem Kopfkissen finden.“

„Ich danke dir, mein Göttergatte.“

In der folgenden Nacht träumte jede Frau, dass der Knabe Putraka heißen solle.

Am nächsten Morgen erwachten die Frauen vom Schreien des Kindes und als sie nachschauten, fanden sie den Kleinen in einer Ecke des Zimmers liegend, von einem großen Haufen Goldstücke heruntergerollt neben seinem Lager. Als das am nächsten Morgen wieder vorkam und am übernächsten auch, kauften sie ein größeres Kofpkissen.

Sie trösteten das Kind und freuten sich über den Reichtum. Achtzehn, zwanzig Jahre vergehen schnell im Märchen und Putraka wurde tatsächlich König dieser Stadt.

Einmal sagte sein Ratgeber zu ihm: „König Putraka, warum seid ihr heute so traurig?“ Putraka antwortete seinem Ratgeber:

„Wie gerne würde ich einmal meinen Vater und seine Brüder kennenlernen.“

Der weise Ratgeber antwortete: „König, dein Vater ist mit seinen Brüdern wegen einer Hungersnot in die Welt gezogen. Deshalb verteile beständig Geschenke an die Brahmanen. Die drei Männer werden davon erfahren und zurückkehren. Mache es so, wie damals Brahmadatta die goldenen Schwäne anlockte!“

„Ratgeber, was ist das für eine Geschichte?“

Da erzählte der Ratgeber des Königs Putrakas folgende Geschichte:

„Einst lebte in Varanasi König Brahmadatta. Der sah eines Nachts zwei goldene Schwäne am Himmel vorüberziehen. Sie glänzten in strahlendem Gold und waren von hunderten weißer Königsschwäne umgeben.

Sie glichen einem goldenen Blitz, der von weißen Wolken umgeben war.

Da wurde König Brahmadatta von einem mächtigen Verlangen erfaßt, diese Vögel wiederzusehen. Er fand keine Freuden mehr an den fürstlichen Vergnügungen. Da befragte er seinen Ratgeber. Der sprach:

„König Brahmadatta, das ist ganz einfach. Laß' einen Teich im Palastgarten anlegen. Lasse ihn mit Büschen umpflanzen und ändere deinen Lebenswandel, Sei gut gegen Pflanze, Tier und Mensch. Dann werden die zwei Schwäne deine guten Absichten erkennen und sich auf dem neuen Teich dereinst niederlassen.“

Der König tat alles so, wie sein Ratgeber es empfohlen hatte.

Und tatsächlich, nach einiger Zeit erblickte der König die beiden heiligen Schwäne auf seinem Teich. Er ließ alles stehen und liegen und eilte hin zu seinem Teich und fiel vor den goldenen Schwänen auf die Knie. Er befragte sie nach dem Geheimnis ihrer Maya, ihrer Art und Weise im Leben zu stehen. Und die Schwäne antworteten in Menschenzungen.

„König, das ist folgende Geschichte: In einem früheren Leben, o König, kamen wir als Krähen auf die Welt. Einstmals stritten wir uns in einem leeren, heiligen Tempel des Gottes Shiva um einen Opferrest und kämpften miteinander darum. Dabei fielen wir in ein Weihwassergefäß und ertranken. Deshalb sind wir als goldene Schwäne, mit der Erinnerung an unser früheres Leben wiedergeboren worden.“

In dem Moment wurde der König Brahmadatta erleuchtet.

So wirst auch du, oh König, deinen Vater und deine Onkel wiedererhalten, wenn du mehr Gaben als andere Könige verschenkst.“

König Putraka handelte dem Rat gemäß und verschenkte reichlich Gold an die Brahmanen. Die drei Männer hörten von seiner Freigebigkeit. Sie eilten herbei, wurden sogleich erkannt und ihren Frauen zugeführt und die – nahmen sie wieder auf.

Doch böse Menschen mit blindem Verstand und ohne Urteilskraft, geben auch dann ihren schlechten Sinn und Geist nicht auf, wenn sie bereits durch Not und Elend gegangen sind. Die drei Männer neideten Putraka die Königsherschaft. Sie dungen einen Mörder und lockten Putrarka in einen Hinterhalt. Dort trat ihm der Mörder mit gezücktem Dolch in den Weg.

„Warum willst du mich töten?“

„Weil dein Vater und deine Onkel mich gedungen haben.“

„Tu es nicht, ich will dir allen Schmuck geben, den ich bei mir trage, ich werde auf mein Königtum verzichten, das Land verlassen und nie wieder zurückkommen.

„Zeig' was du hast.“

Putraka übergab dem Mörder alles und der ließ ihn zum Hinterausgang des Tempels ziehen. Den drei Männer erzählte er, er habe den König gleich verscharrt. Da freuten sich die drei, zogen zum Palast und beanspruchten die Königswürde. Doch der kluge Ratgeber Putrakas erkannte den feigen Anschlag und ließ die drei Männer hinrichten - und so verschwinden sie aus dieser Geschichte.

Putraka floh ins Gebirge und irrte nun im Wald umher.

Während er um eine Felsecke kam, sah er zwei Dämonen im Kampf miteinander. Sie schlugen mit Donnerkeilen aufeinander ein, Blitze zuckten zwischen den beiden hin und her. Er stellte sich dazwischen:

„Warum streitet ihr miteinander?“

„Wir streiten um diese Schale, diesen Stock und diese beiden Schuhe. Wir können uns nicht einigen, wem was gehören soll, nun soll der Stärkere alles haben.“

„Was bedeutet schon Besitz für einen Mann?“ lachte Putraka.

Da sprachen die Kerle:

„Du weißt nicht, was du sagst. Wer diese Schuhe trägt, kann durch die Lüfte fliegen, was immer mit dem Stock in den Sand geschrieben wird, das geht in Erfüllung. Und was man sich auch zu essen wünscht, die Schale füllt sich damit.“

„Streitet doch nicht miteinander. Lauft doch lieber um die Wette, und wer am schnellsten bei dem Banyanbaum dort ist, der soll die Dinge alle besitzen.“

„So soll es sein!“ stimmten die beiden Toren zu. Putraka gab das Startzeichen und die beiden rannten los. Putraka zog die Schuhe an, griff nach Stock und Schale und und wünschte sich in eine Stadt, in der man seine Sprache spräche. Im selben Moment entsprossen den Seiten seiner Schuhe zwei mächtige Schwingen, breiteten sich aus und er hob an. Schließlich gelangte er zu einer Stadt. Am Stadtrand landete er, fand Unterschlupf bei einer alten Frau in einem kleinen baufälligen Hüttchen. Am nächsten Morgen beim kargen Frühstück schaute ihn die Alte versonnen an:

„Mein Sohn, ich glaube, keine Frau ist dir ebenbürtig - außer der Prinzessin Patali, der Tochter unseres Königs. Sie lebt in einem hohen Turm des Palastes und wird von der Welt ferngehalten. Sie soll keinen Mann sehen.“

Diese wenigen Worte der alten Frau reichten dem Liebesgott Kama aus, einen seiner goldenen Pfeile abzuschießen und durch Putrakas Ohr in dessen Herz hinabzusenken. Putraka wollte Patali noch in der folgenden Nacht sehen. Mithilfe seiner Zauberschuhe gelangte er bis zum Turm der Prinzessin und landete auf der Fensterbank. Er schaute durch das Fenster und da lag die Prinzessin Patali und schlief und nur der Mondschein schmiegte sich an ihre zarten Glieder und genoß sie ausgiebig. So lag sie da, wie die leibhaftige Macht des Liebesgottes, die nach ihrem Sieg über die Welt ermüdet war. Und während er noch überlegte wie er sie wecken solle, hörte er draußen vor der Türe einen Wächter singen, was der machen würde, wenn er nach Schichtende nach Hause käme, wie er die schlafende Geliebte mit einem Kusse wecken würde, sie ihn dann leise, lieblich gurrend, auf ihr Lager ziehen würde...

Das schien Putraka eine gute Idee zu sein. Er kletterte durch das Fenster näherte sich Patalis Lager, neigte sich zu ihr herab und küßte sie...

Patali erwachte und fand an ihrer Seite einen hübschen jungen Mann. Scham und Begehren kämpften in ihren Blicken miteinander, sie schauten hin und wieder weg. Die beiden begannen miteinander zu plaudern, sie kosten und neckten einander. Dann küßten sie sich und ihre Liebe wuchs, doch die Nacht nahm ab. Bevor der Morgen graute, verabschiedete sich Putraka von dem sehnsüchtigen, verlangenden, jungen Weib und kehrte in das Haus der Alten zurück. Sein Herz aber blieb bei seiner Geliebten. Fortan kam Putraka in jeder Nacht durch die Lüfte zu ihr. Eines Tages bemerkten die Wächter die Zeichen des Liebesgenusses bei der Prinzessin und benachrichtigten den Vater. Der König befahl einer Dienerin sich im Zimmer der Prinzessin zu verstecken. Die blieb eine ganze Nacht und sah einen schönen Jüngling durchs Fenster klettern und sich zu der Prinzessin legen. Als die beiden jungen Leute schliefen, heftete sie an seinem abgelegten Gewand einen roten Zettel auf dem Rücken. Am nächsten Morgen ließ der König die ganze Stadt nach einem Jüngling absuchen, der auf seinem Rücken ein rotes Mal trüge. So entdeckten sie Putraka in der morschen Hütte. Man verhaftete ihn und führte ihn dem König vor. Der verurteilte ihn gleich zum Tode.

Als Putraka gewahrte, wie sehr ihm der König zürnte, erhob er sich mit seinen Schuhen in die Luft und flog zum Turm. Dort landete er auf der Fensterbank und rief: „Patali, wie sind entdeckt, laß uns fliehen!“ Patali ließ alles stehen und liegen und sprang ihm in die Arme. Er stand auf der Fensterbank, verlor durch ihr Ungestüm das Gleichgewicht und beide stürzten den Turm hinunter. Erst kurz vor dem Erdboden fingen die Flügelschuhe die beiden ein und dann flogen sie an ein Gestade, an einer Flußmündung am Meer gelegen. Da war weißer Sandstrand, blaues Meer, Palmen umsäumten eine kleine Bucht. Sie legten sich in den Sand und plauderten miteinander. Dann sprach Patali:

„Mein Schatz, mich hungert.“ Da holte Putraka die Schale hervor und sie füllte sich mit den Speisen, nach denen die beiden gelüstete.

„Mein Schatz, so können wir hier nicht bleiben, wir brauchen ein Dach über dem Kopf.“ Putraka nahm den Stock und zeichnte ein kleine Hütte in den Sand.

„Nein, mein Lieber, ein bisschen größer muß es schon sein.“

Da zeichnet er ein Haus.

„Laß mich mal!“ Und die Prinzessin malte einen Palast in den Sand. Jetzt wollte Putraka wieder, Er malte einen Park mit einem See um den Palast, Sie war wieder dran und zeichnte einen Rosenhain, er malte einen Mangowald. Sie malten und malten den ganzen Tag lang, all ihre Wünsche auf den Strand. Und als es Abend wurde, wuchs aus dem Sand, all das, was sie gezeichnet hatten empor, schöner, als sie es gemalt hatten, waren die Zeichnungen doch nur ein schwacher Ausdruck ihrer lebendigen Visionen und inneren Bilder. Und so entstand dort eine ganze Stadt. Mit Mauern und Türmen, mit Soldaten und Kriegselefanten, mit einem wundervollen Palast, einem Einkaufszentrum und allem. In diese Stadt zogen die beiden ein, wurden dort König und Königin. Sie lebten glücklich, kümmerten sich immer um arme Menschen. Die Stadt wurde nach ihnen beiden benannt, nach der Prinzessin Patali und dem Prinzen Putraka entstand so die Stadt Patali-Putra.

 

Aus dem Ozean der Märchenströme von Somadeva, nacherzählt von Jörn-Uwe Wulf


Salomon und der Frosch

Einmal wollte Salomo ein großes Fest feiern und alle Tiere dazu einladen. Die Einladungen wurden versandt, die Boten hatten viel zu tun. Sie vergaßen niemanden. Vom kleinsten Wurm bis zum größten Elefanten, alle bekamen die Einladung. Als das Festmahl angerichtet war, schaute sich Salomo noch einmal um und bemerkte, dass die Adler fehlten.

„Wir werden warten, bis sie kommen!“

Endlich schwebten sieben Adler vom Himmelszelt herab.

„Wo wart ihr so lange?“

„König, wir pflegen einen alten Vater und das hat ganz schön gedauert. Wir haben ihn gefüttert, gewaschen und dann schlafen gelegt. Erst danach konnten wir an uns denken.“

König Salomo tat es leid, den alten Adler nicht bei sich zu haben.

„Holt ihn auch zu uns.“

Die Adler machten sich wieder auf den Weg. Sie hoben den Alten aus dem Horst in einen Korb und dann flogen sie zurück zum Fest. Der Adler hatte schon viele Federn verloren und konnte sich ohne Stütze nicht auf den Beinen halten. Der König erhob sich und hieß den alten Adler willkommen.

„Wie alt bist du?“

„Dreihundert Sommer werden es jetzt wohl sein!“ antwortete der Adler.

„Ich bitte dich, erzähle uns das Wichtigste oder Bedeutendste in deinem Leben.“

„Eigentlich habe ich nichts Besonderes gesehen in den dreihundert Jahren. Das ist ja irgendwie noch kein Alter. Aber ich hörte von einer jungen Frau, vielleicht vierhundert Jahre alt, die sollte was zu erzählen haben. An ihrem Fußgelenk ist eine Kette in Hausgröße befestigt. Ja ich denke, die hat was erlebt. Leider ist sie schon tot und wohnt im Jenseits.“ Salomo fragte:

„Wo finden wir ihr Grab?“

„Zu weit für mich, ich kann da nicht mehr hinfliegen.“

Salomo betete für den Adler. Im selben Moment flossen neue Kräfte in ihn. Er spreizte die Schwingen, der König stieg ihm auf den Rücken und der Adler trug ihn bis zu dem Grab. Es war ein großer grasbewachsener Hügel auf einer Lichtung im Wald. Salomo zog sich in sich zurück und betete. Der Hügel brach auf und eine riesige tote Frau lag zwischen gewaltigen Steinen und Grassoden. Abermals betete Salomo und die Tote schien die Augen zu öffnen. Jedenfalls wandten sich ihre hohlen Augenlöcher dem König zu.

„Ich hörte von dir und bitte dich, mir zu erzählen, was das Wichtigste in deinem Leben war. Was hast du gesehen?“

„Ich erinnere mich an einen Totenschädel, so gewaltig, dass ein ganzes Heer darin Platz fände.“

Der König dankte der toten Riesenfrau, bat sie sich wieder hinzulegen. Dann betete er das Grab wieder zu und den Hügel wieder in seinen Originalzustand zurück. Wieder auf dem Rücken des Adlers ging es zu dem Totenschädel. Nach einem Gebet Salomos erwachte auch der zum Leben.

„Bitte erzähle mir die Bedeutendste Sache, die der Mann, zu dem du gehört hast, erlebt hat.“

„Pöhhhh, obwohl ich tausend Jahre gelebt habe ist mir so richtig bedeutsames nicht untergekommen. Aber ich habe von einem Frosch gehört, der schon seit der Erschaffung der Welt am Leben ist, vielleicht hat der was Besonderes gesehen.“

Der König dankte dem Schädel und sorgte wieder für dessen Ruhe. Dann stieg er auf den Rücken des Adlers. Sie flogen zu einem uralten Brunnen, in dem dieser Frosch wohnte.

Auch den Frosch fragte der König:

„Erzähl mir bitte, was das Wichtigste ist, dass du in deinem Leben gesehen hast.“

„In alten Zeiten waren der Eimer dieses Brunnens und auch das Seil aus Gold. Menschen schöpften Wasser, tranken und gingen wieder. Später hing über diesem Brunnen ein Eimer aus Silber und auch der Strick war aus Silber. Viele Generationen später wurde das Silber durch Kupfer ersetzt. Jahre vergingen und schließlich wurden die Kupferdinge durch Ledereimer und Lederseil ausgetauscht.

Also dieser häufige Wechsel ist eigentlich das einzige, was mir an Besonderem aufgefallen ist.“

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Schöpfungskraft des Menschen

Einst entdeckten die Götter, dass die Menschen, von denen sie erschaffen worden waren,

immer mächtiger wurden. Den Göttern schien absehbar, dass sie nicht mehr gebraucht werden würden.

 

Sie versammelten sich um darüber nachzudenken, wie sie den Menschen ihre Schöpfungskraft nehmen könnten.

 

Sie sannen lange.

 

Einer schlug vor:

 

„Lasst uns ihre Göttergleichheit tief unter einem Berg verstecken.“

 

Doch das höchste Wesen antwortete:

 

„Eines Tages werden die Menschen die Erde aufgraben und dann ihre Kraft entdecken.“

 

„Dann lasst uns ihre Macht in den Tiefen der Ozeane verklappen!“

 

Abermals sprach das Höchste:

 

„Sie werden in die tiefsten Tiefen der Weltmeere hinabtauchen und dort ihre Schöpfungskraft finden!“

 

Die Mondgöttin schlug vor:

 

„Lasst uns die menschliche Schöpfungskraft doch auf den Mond verbringen. Dort werden sie nicht hinkommen.“

 

„Eines Tages wird die Menschheit auch den Mond besuchen,“ antwortete das Höchste.

 

„Und dann könnte es für uns ans Sterben gehen.“ Davor hatten einige Götter Angst.

 

Lange dachte das All nach. Dann sprach es:

 

„Wir wollen seine Schöpfungsmacht in ihm selbst verstecken, sie tief in sein Herz legen, dort wird der Mensch niemals nach sich selber suchen.“

 

So geschah es, so ist es noch heute.

 

 Nach einer angeblichen Hindulegende (im Netz mit verschiedenen Zielsetzungen aufgeschrieben)


Das schwarze gebirge

Es war einmal ein Mann, der hatte von seinen Eltern einen kleinen Bauernhof geerbt. Viel war es nicht, aber es reichte um ihm den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Sein Name war Jean. Er hatte ein Laster. Er spielte Karten – und das schlecht. Und so war es mehr als einmal vorgekommen, dass er seinen ganzen Gewinn beim Kartenspiel verlor.

Eines Abends hatte er eine richtige Pechsträhne. Er spielte und spielte und verlor und verlor.

Da setzte er sein ganzes Hab und Gut auf eine Karte – und verlor abermals.

„Ja“, sagte er zu sich selbst, „da kann ich mir genauso gut das Leben nehmen.“

Er brach aus dem Wirtshaus auf, ging zum Hof, der ihm nun nicht mehr gehörte, nahm ein Seil, dass ihm nun nicht mehr gehörte und ging auf den Friedhof um sich aufzuhängen.

Er hatte gerade einen Ast ausgesucht, den Knoten um ihn geschlungen, als er aus dem Dunkel eine Stimme hörte.

„Jean, was hast du vor?“

„Nun, das ist wohl unschwer zu erkennen. Ich will mir das Leben nehmen. Ich habe alles verloren.“

„Jean, lass das sein. Ich will dir auch einen Topf voll Gold schenken.“

„Was muss ich dafür tun?“

„Nicht mehr, als ihn ausgeben in einem Jahr und einem Tag.“

„Das scheint mir nicht viel verlangt, und wenn ich es nicht schaffe, was dann?

„Dann ist deine Seele verwirkt!“

„Nun, einen Topf voll Gold kann ich ausgeben.“

Da streckte sich ihm aus dem Dunkel ein Topf mit Gold entgegen.

Jean fasste zu. Als er den Goldtopf in Händen hielt, machte sich die Gestalt eilig davon.

„Hallo, äh, wo muss ich denn den Topf hinbringen nach einem Jahr?“

„Ins Schwarze Gebirge“, hörte er die sich entfernende Gestalt rufen. Fort war sie.

„Wo ist denn ...“ es hatte keinen Sinn zu rufen, sie konnte ihn nicht mehr hören.

Jean nahm den Topf und ging damit nach Hause. Als erstes nahm er ein paar Goldstücke, ging ins Wirtshaus zurück und kaufte sich den Hof zurück.

Dann ging er nach Haus. Am nächsten Tag nahm er sein Leben in die Hand. Er renovierte das Haus, erweiterte den Stall, er pachtete Land hinzu, kaufte Kühe und Schafe, er vergrößerte seinen ganzen Hof. Und er spielte keine Karten mehr. Das ganze Jahr über rührte er sie nicht mehr an. Als das Jahr fast herum war, fragte er jeden im Dorf nach dem Weg zum Schwarzen Gebirge. Keiner wusste es. Da verließ er das Dorf und wanderte auf der Landstrasse entlang.

Jeder, dem er begegnete fragte er, aber keiner wusste den Weg. Da kam er an ein Häuschen. In dem wohnte ein sehr alter Mann. Den fragte er:

„Väterchen, kennst du den Weg zum schwarzen Gebirge?“

„Nein, Söhnchen, den hab ich schon seit hundert Jahren vergessen.“

„Kennst du denn einen, der den Weg weiß?“

„Vielleicht mein Bruder, den kannst du fragen, der ist noch älter als ich. Der wird da und da auf der Strasse.“

Jean machte sich auf und gelangte an ein Häuschen, das war halb verfallen und als er eintrat, lag da ein uralter Mann in seinem Bett.

„Großväterchen, kennst du den Weg nach dem schwarzen Gebirge?“

„Nein, Enkelchen, den hab ich schon seit mehr als tausend Jahren vergessen“, krächzte der Alte.

„Und weißt du jemanden, der den Weg wissen könnte?“

„Vielleicht meine Schwester, die ist noch älter, vielleicht weiß die was. Die wohnt noch weiter.“

Jean wanderte weiter. Da gelangte er an ein ganz kleines Häuschen mit einem großen Garten.

Im Garten wuselte eine steinalte Frau herum. Er rief über den Zaun zu ihr:

„Urgroßmütterchen, kennst du den Weg zum schwarzen Gebirge?“

Die Alte drehte sich um, sie hatte ein Gesicht wie ein verwitterter Stein.

„Ja“, sprach sie,“den kenn ich wohl!“

„Erst musst du da und da entlang gehen, dann kommst du an einen Teich auf dem schwimmen drei Enten, eine weiße, eine graue und eine schwarze. Du mußt die Weiße fangen, tu ihr aber kein Leid an, zupf ihr aber ein Federchen aus, dann wirst du den Weg erfahren.“

Das war eine lange und seltsame Anweisung für Jean. Er dankte der Alten und ging.

Gelangte endlich an den Teich, erblickte die drei Enten auf ihm und versteckte sich hiner einem Gebüsch.

Dauerte gar nicht lange, da kam die schwarze vorbei, dann watschelte die graue an ihm vorbei und dann kam auch die weiße Ente. Er stürzte aus seinem Versteck, fing sie, tat ihr aber kein Leid an. Er zupfte ihr ein Federchen aus und ließ sie los. Sie flog auf, aber als sie wider auf dem Boden aufkam hatte sie sich verwandelt.

In eine weiße Jungfrau. Und die fragte er nun:

„Kennst du den Weg zu schwarzen Gebirge?“

„Ja, den kenn ich, was willst du dort?“

„Diesen Topf will ich zurückbringen!“

„So musst du Jean sein und willst zu meinem Vater, dem Herrn des Schwarzen Gebirges. Wisse, wenn du diesem Weg folgst und gehst dann da und dort entlang, erreichst du das Schwarze Gebirge. Auf dem höchsten Berg findest du das Schwarze Schloß. Klopf an und mein Vater wird dir öffnen. Geh hinein, aber iß und trink nichts, wenn du im Schloß bist.

Dann wird er mit dir Karten spielen wollen. Tu das, aber wenn am Abend eine Karte zu Boden fällt, heb sie nicht auf. Dann wird er dir ein Zimmer anweisen, du aber sollst nicht einschlafen, bis ich gekommen bin und dir gesagt habe, wie es weitergeht.“

Jean hat alles genau aufgenommen.

Er macht sich auf den Weg und findet das Schwarze Gebirge, er findet das Schloß auf dem höchsten Gipfel, er klopft an das Tor.

Da öffnet ihm ein Unhold.

„Was willst du?“

„Diesen Topf soll ich bringen.“

„Dann bist du Jean!“ Das Ungeheuer nimmt den Topf, den Jean ihm reicht und dreht ihn um.

„Leer, das hast du geschafft. Komm rein.“

Das Ungeheuer dreht sich um und lässt Jean in Schloß, führt ihn an eine Tafel voller Köstlichkeiten. „Iß und trink dich satt.“

Jean ist hungrig, hat den ganzen Tag kaum etwas gegessen, aber er sagt,: „Nein.“

Da fegt das Ungeheuer den ganzen Tisch leer, brummt ihn an: „Dann spiel!“

Und dann spielen sie Karten, den ganzen Tag bis in die Dämmerung hinein. Da fällt wie von ungefähr eine Karte auf den Boden.

„Jean, heb sie auf,“bittet das Ungeheuer, aber Jean lässt es.

„Dann zeige ich dir ein Zimmer.“ Der Unhold erhebt sich und führt Jean zu seinem Zimmer die große Treppe hinauf, lässt ihn dann allein.

Jean ist sehr müde, er hat den ganzen Tag nichts gegessen, was soll nun werden?

Um sich wach zu halten läuft er im Zimmer auf und ab. Endlich geht die Türe auf und die weiße Jungfrau erscheint.

Sie hat ein Tablett in der Hand voller Speisen und Getränken.

„Dies kannst du trinken, dies ist gut.“

Nach dem sich Jean gestärkt hat, sagt die weiße Jungfrau: „ Jean, ich will es dir nur sagen, heute Nacht solltest du nicht in deinem Bett schlafen, heute Nacht solltest du unter deinem Bett schlafen.“ Dann verlässt sie das Zimmer.

Jean überlegt, alles was sie bisher gesprochen hat, war wahr. Da nimmt er sein Kopfkissen und eine Decke und liegt sich unter das Bett.

Um Mitternacht rumpelt es in dem Kamin, eine schwarze Rußwolke steigt auf und da entsteigt er Unhold draus hervor.

In seiner Hand hat er eine Mistforke. Er geht auf das Bett zu und sticht mit der Forke hinein, einmal, zweimal, dann dreht er sich um und verlässt das Zimmer auf dem Weg, auf dem er gekommen ist.

Und Jean, das könnt ihr euch denken, ist froh, dass er unter dem Bett gelegen hat.

Als er am anderen Morgen die große Treppe hinabkommt, ist das Ungeheuer beim Frühstück.

„Was, Jean, du leb..., hast du gut geschlafen?“

„Nicht so gut, mir war so, als wenn in der Nacht eine Mücke in meinem Zimmer gewesen wäre, die immer wieder versucht hat, mich zu stechen.“

Was, denkt der Unhold, meinen Mistagabelangriff hält der für einen Mückenstich?

Schnell lädt er Jean zum Essen ein, doch der nimmt nichts. Da fegt das Ungeheuer abermals den Tisch leer und spricht: „Dann spiel!“

Sie spielen den ganzen Tag, doch am Abend fällt wieder einen Karte, wie von ungefähr zu Boden. „Jean, ich bitte dich, heb’ sie auf.“ Jean aber denkt nicht dran.

Da zeigt der Unhold ihm abermals sein Zimmer. Jean versucht sich wachzuhalten, geht auf und ab in seinem Zimmer, beginnt Lieder zu singen um nicht einzuschlafen, da ööffnet sich endlich die Tür und die weiße Jungfrau kommt herein, in ihrer Hand Speis und Trank für Ihn.

Als er gegessen hat spricht sie: „Ich will es dir nur sagen, Jean, heute Nacht solltest du nicht in deinem Bett, aber auch nicht unter deinem Bett schlafen, heute Nacht sollst du im Wandschrank übernachten.“

Alle ihre Worte haben sich als richtig herausgestellt. Er nimmt Kissen und Decke und legt sich in den Wandschrank.

Um Mitternacht rumpelt es im Kamin, eine schwarze Rußwolke steigt auf und ihr entsteigt der Unhold. In seiner Hand eine Flasche Öl. Er geht zum Bett von Jean, gießt das Öl auf die Schlafstatt, entzündet es und verschwindet auf dem Weg, den er gekommen ist.

Jean stürzt aus dem Wandschrankm, nimmt eine Decke, löscht das Feuer, reißt die Fenster auf und atmet die kühle Nachtluft ein. Dann überlegt er kurz, ob er sich noch einmal ins Bett legt, Nein er nimmt mit dem Schrank vorlieb.

Als er am nächsten Morgen die Treppe herabkommt, ist der Unhold außer sich.

„Jean, du lebs... wie war die Nacht?“

„Nicht gut, es waren scheußliche Dämpfe in meinem Zimmer und aus dem Kamin kam Rauch.“

„Nun denn, dann iß und trink.“

Doch Jean lässt das. Dann spielen sie, den ganzen Tag und bis zum Abend, da schnippst der Unhold eine Karte zu Boden. „Jean, hebst du bitte...?“

Aber Jean verweigert es.

Da zeigt der Böse ihm sein Zimmer.

Wieder bemüht sich Jean nicht einzuschlafen, do es wir ihm schwer. Er geht auf und ab, singt sich Lieder vor, öffnet das Fenster und atmet tief durch, da geht die Tür auf und die weiße Jungfrau kommt mit Speis und Trank.

„Stärke Dich!“ Dann spricht sie: „Jean, ich will es dir sagen, heute Nacht solltest du nicht in deinem Bett und nicht unter deinem Bett, nicht im Wandschrank, heute Nacht solltest du im Speisekeller übernachten.“

Jean überlegt nicht lange, jeder Rat der Jungfrau hat sich bisher als richtig erwiesen, er nimmt Kissen und Decke und schleicht in den Speisekeller.

Um Mitternacht betritt das Ungeheuer den Raum, hebt das Bett an und wirft es aus dem Zimmer, reißt den Wandschrank aus seiner Verankerung und schleudert ihn hinterher, verwüstet das Zimmer so, dass der ganze Boden durchbricht und in den Keller hinabrauscht.

Als Jean am nächsten Morgen zur Kellertür herauskommt, sitzt das Ungeheuer beim Frühstück, ist ganz fassungslos: „Jean, du... wie war die Nacht?“

„Nicht gut, dein Schloß ist ein bisschen marode. Man schläft oben ein und wacht unten auf.“

„Wie dem auch sei, du hast nun drei Nächte unter meinem Dach geschlafen, nun musst du etwas für mich tun. Siehst du den Wald dort unter meinem Schloß? Den sollst du bis Sonnenuntergang fällen, die Bäume entasten und in große Haufen aufscheiten. Gelingt dir das, gut, wenn nicht, musst du sterben. Ich will dir auch ein Werkzeug geben.“

Und der Schwarze überreicht Jean... eine Axt aus Glas.

Jean geht hinunter zu dem Wald. Er weiß, es ist hoffnungslos, sucht sich einen Baum aus, holt mit der Axt aus, ein Hieb, und die Axt zerspringt in tausend Stücke.

Er setzt sich auf einen umgestürzten Baum und weint. Da steht die weiße Jungfrau neben ihm.

„Fürchte dich nicht! Ich will dir beistehen.“

Sie holt einen Stab aus ihrem Gewand, malt ein Zeichen in den Luft, spricht ein Wort in den Wind, da beginnt der Wald, sich von selbst umzulegen, die Bäume entasten sich und scheiten sich zu großen Haufen auf.

Da ist die erste Aufgabe gelöst.

Doch das Ungeheuer steht schon neben Jean: „Das hast du nicht allein getan, die zweite Aufgabe ist schwerer. Siehst du den See dort? Den sollst du leerschöpfen und die Fische ihrer Art und Größe nach geordnet ans Ufer legen, ich will dir auch ein Werkzeug geben.“ Und es überreicht Jean ein ... Sieb.

Jean weiß, es ist aussichtslos, trotzdem schöpft er einmal mit dem Sieb und wirft es weg und weint. Da steht die weiße Jungfrau neben ihm: „Fürchte dich nicht, ich will dir beistehen.“

Sie nimmt abermals ihren Stab ruft ein Wort und da beginnt der See sich von selbst zu leeren.

Und die Fische, ihrer Art und Größe nach springen aus dem Wasser und legen sich nebeneinander ans Ufer.

Da ist die zweite Aufgabe auch gelöst.

Der Unhold steht schon neben ihm: „Das hast du nicht allein getan. Die dritte Aufgabe ist noch schwerer. Siehst du den goldenen Wetterhahn dort oben auf dem Turm? Den sollst du herunterholen. Leider ist keine Leiter im Schloß, auch besitzt der Turm keine Tür und keine Treppe nach oben, und die Fugen der Mauersteine sind so schmal, das man unmöglich außen hochklettern kann. Wie du es schaffst ist deine Sache, gelingt dir das aber nicht, dann ist dein Leben und deine Seele verwirkt.“

Nun weiß Jean, dass er verloren ist, das kann er nicht schaffen. Da steht die weiße Jungfrau neben ihm.

„Nun musst du etwas tun, Jean. Hole einen großen Kessel. Fülle ihn mit Wasser. Entfache ein Feuer darunter und wenn das Wasser im Kessel brodelt, schneide mich in Stücke und lege mich hinein.“

„Aber das will ich nicht, denn ich liebe dich, ich will dich heiraten“ rief Jean.

„Wenn du das nicht tust, ist für uns keine Hoffnung. Du wirst sehen, es wird schon alles recht. Löse das Fleisch von meinen Knochen und erbaue aus meinen Knochen eine Leiter, die bis zum Tor hinaufreicht. Steige auf dieser Leiter hinauf und hole den goldenen Hahn. Dann sammle alle meine Knochen wieder ein, achte darauf, dass kein einziger fehlt und lege sie wieder in den Kessel, bringe das Wasser erneut zum Kochen, dann werde ich daraus wieder hervor steigen, unversehrt, wie neugeboren.“

Jean fügte sich, holte einen Topf mit Wasser, brachte es zum Kochen, und als es brodelte , schnitt er sie in Stücke und legte sie in den Kessel. Er löste das Fleisch von ihren Knochen und baute daraus eine Leiter bis zur Spitze des Turmes. Er bestieg die Leiter und holte auf diese Weise den goldenen Hahn herunter. Als er alle Knochen wieder eingesammelt hatte, zählte er sie noch einmal nach, da bemerkte er, dass ihm doch einer fehlte. Es war der kleine Knochen vom letzten Glied des kleinen Zehs des linken Fußes. Jean schaute zum Turm hinauf, hatte er den in der Regenrinne ... ?

Er wollte die Leiter noch einmal aufbauen, da sah er, dass die Sonne gerade hinter den Bergen verschwand. Sonnenuntergang, es war höchste Zeit.

Vorsichtig tat er alle Knochen wieder in den Kessel, brachte das Wasser abermals zum Sieden und da wallte das Wasser auf, weißer Dampf stieg auf und aus dem Dampf formte sich die Gestalt der weißen Jungfrau heraus. Sie trat aus dem Kessel und sie war unversehrt, schöner als zuvor.

Da stand der Unhold neben ihm.

„Das hast du auch geschafft. Fort mit dir, fort, solche wie dich kann ich hier nicht brauchen,“ ächzte er.

„Ich gehe nicht ohne deine Tochter, denn ich liebe sie,“ rief Jean.

„So, meine Tochter willst du, dann musst du sie aus meinen drei Töchtern herausfinden.“

Und mit einem Fingerschnippen stehen drei tief verschleierte Gestalten vor Jean.

Wie soll er da richtige finden?

Da bemerkt er, dass ihre Schleier bis auf die Füße reichen. „Möget ihr doch drei Schritte auf mich zumachen.“ Und da könnt ihr sicher sein, Freunde, er schaut ihnen genau auf die Füße.

Da sieht er, bei einer fehlt das letzte Stückchen vom kleinen Zeh vom linken Fuß.

„Die ist es, die ich liebe und die mich auch liebt.“

Sie warf den Schleier ab, es war die weiße Jungfrau.

Da sprach der Unhold: „Fort, fort aus meinem Gebiet, solche wie euch kann ich hier nicht brauchen.“

Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen, sie fassten sich bei den Händen und gingen fort, zurück zu dem Hof von Jean. Sie heirateten und bekamen viele Kinder. Denen erzählten sie diese Geschichte, die erzählten sie ihren Enkeln und so fort, bis die Geschichte nun auch zu euch gekommen ist.

Märchen der Katharer

Quelle: Der Verschleierte, Märchen von Ketzern und Verfemten; Hg. Höger, M.; Frankfurt a.M. 1986, frei nacherzählt von Jörn-Uwe Wulf


Spuren im Sand

Ich ging mit Gott am Strand entlang.
Bilder meines Lebens zogen mir durch den Kopf.
Neben jedem Bild entdeckte ich Fußspuren im Sand,
Manchmal die Abdrücke zweier Fußpaare,
Dann wieder nur ein Paar.
Mir fiel auf, dass immer,
Wenn ich trauerte, ängstlich oder sorgenvoll war,
Die Spuren von einem Fußpaar zu sehen waren.
Ich sprach: Du hast mir versprochen,
Gott,
Immer mit mir zu gehen.
Aber in schweren Zeiten sehe ich nur eine Spur im Sand.
Wo warst Du da?
Gott antwortete:
Immer, wenn Du nur eine Spur im Sand gesehen hast
Habe ich Dich getragen.

Viele Quellen ohne Autor, nach erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der Suppenstein

Es war einmal ein armer Soldat. Der Radja hatte ihm dem Abschied gegeben und ihm, neben wenigen Rupien, nur das gelassen, was er am Leibe trug. Er hatte den wenigen Lohn schon im ersten Gasthaus vertrunken und war nun so arm, dass er betteln mußte. Als er wieder einmal tagelang nichts zu essen bekommen hatte, kam er an einem einsamen Bauernhof vorbei. Er bückte sich nach einem faustgroßen Feldkiesel und steckte ihn in seine Tasche.

Dann klopfte er und bat die Bäuerin um ein Stück Brot.

"Nein, wir haben nichts."

"Vielleicht einen Teller Suppe oder ein paar Pakoras?"

"Nein, die Zeiten sind hart. Hier muß jeder selbst sehen wie er klar kommt. Ich kann dir nicht helfen."

Die Bäuerin wollte sich abwenden. Da bat er:

"Habt Ihr denn vielleicht einen Topf und etwas Wasser, ein paar Holzscheite?"

"Was willst du denn damit? Du hast doch gar nichts", erwiderte die Bäuerin.

"Immerhin hab ich hier meinen Suppenstein", antwortete der Soldat und holte den Kiesel aus seinem Ranzen.

"Wenn ich den ins Wasser lege, und koche, habe ich eine gute Suppe. Die stillt dann den größten Hunger."

Von einem Suppenstein hatte die Bäuerin noch nie gehört. Sie wurde neugierig.

"Den musst du nur ins Wasser legen und kochen, dann hast du eine Suppe?"

Der Soldat rieb sich den Bauch und nickte. Na, das wollte die Bäuerin erleben. Solche Wunder gab es bei ihr nicht alle Tage. Sie holte einen Topf, füllte ihn selbst mit Wasser und stellte ihn dem Soldaten auf den Ofen. Der legte den Feldstein mit gewichtiger Miene in den Topf und das Wasser kochte schließlich auf. Da nahm der Soldat seinen Löffel aus dem Ranzen, rührte kurz um, probierte vom Wasser und verzog verzückt das Gesicht. Die Bäuerin fragte neugierig:

"Ist die Suppe gut?"

"Gewohnt gut, wenn man natürlich ein paar Zwiebeln hätte."

„Zwiebeln, die habe ich, warte ein wenig.“

Die Bäuerin lief los und holte ein paar Zwiebeln.

Der Soldat putzte und würfelte. Tat die Zwiebeln in die Suppe, schmeckte und sprach: „Gut!“

„Was, das wars jetzt?“

„Nun, wenn man noch etwas Salz hinzufügen würde, würde der Geschmack runder werden.“

"Salz, du brauchst Salz? Da habe ich doch bestimmt noch etwas“, murmelte die Alte und ging zum Salzfaß. Lächelnd nahm der Soldat das Salz aus ihrer Hand und streute es in das Wasser, probierte abermals.

"Na, ist die Suppe jetzt richtig?"

"Sie ist gut, wenn man natürlich ein paar Linsen hineintun würde, wäre sie sättigender.“

Hmm, die Bäuerin war bekannt für gute Suppen und hatte Verständnis für das Kochen.

"Linsen, da sollte ich doch noch ein paar Handvoll Linsen finden in meiner Speisekammer!" Sie ging und besorgte Linsen. Der Soldat wusch sie und legte sie in das Salzwasser. Bald zerfielen die Linsen in der Suppe. Der Soldat schmeckte abermals ab.

"Ist sie fertig?" fragte die Frau neugierig.

"Ja, das ist sie, eine richtig gute Linsensuppe, wenn man natürlich noch etwas Curry hätte, ja dann... ."

„Curry, fehlt es an Curry?“

„Es fehlt nicht, aber es wäre besser“. Die Bäuerin eilte.

„Und – ist die Suppe jetzt fertig?“

„Frau, sie war eben schon fertig.“

„Und ist die Suppe gut?“

„Wenn man ein paar Möhren hätte, ja dann wäre sie ganz wundervoll.“

"Sagtest Du Möhren? Ich will doch einmal sehen, ob ich aus meinem Beet nicht ein paar Möhren ziehen kann."

Die Bäuerin eilte und der Soldat putzte und schälte, würfelte, rührte. Schließlich zog ein satter Gemüseduft durch die Küche.

"So", sagte der Soldat, "nun ist sie fast fertig."

"Was fehlt denn noch", fragte sie ungeduldig.

"Nicht dass man darauf bestehen müßte", meinte der Soldat, „aber mit ein wenig Sahne wäre diese Suppe eine Rajas würdig."

„ Eine Rajasuppe! In meiner Küche!“ Unbedingt wollte sie mithelfen. Sie holte einen Krug mit Sahne. Der Soldat goß die Sahne in die Suppe, schmeckte ab: „Hmm!“

Endlich war die Suppe fertig. Ein köstlicher Duft durchströmte die Küche.

Er trug den Topf an den Küchentisch und setzte sich. Die Bäuerin immer neben ihm fragte:

"Kann ich auch einmal probieren?" -

"Nein, du wolltest mir ja auch nichts abgeben," erwiderte der Soldat knapp. Aber dann sah er das enttäuschte Gesicht der Bäuerin.

"Na gut, ich will ja nicht so sein wie andere gierige Leute."

Er holte zwei Teller, noch einen Löffel und füllte beiden ein. Dann setzten sie sich einander genenüber, wünschten sich einen guten Appetit und ließen die Löffel sprechen.

Als sie gegessen hatten, fragte die Alte vorsichtig:

"Sind diese Suppensteine schwer zu bekommen?"

"Sehr schwer! Man muß sie unter großen Gefahren im Suppensteingebirge gewinnen."

"Wäre er dir feil?"

"Wo denkst du hin, Alte, einen solchen Stein siehst du so schnell nicht wieder, nein, ich verkaufe ihn nicht."

"Auch nicht für 50 Rupien?"

"Also hundert müßten es schon sein."

"Gemacht!" Die Alte beeilte sich, das gute Geschäft abzuschließen. Dann reinigte sie den Stein und stellte ihn zu den anderen Küchengeräten im Regal. Dem Soldaten schenkte sie noch ein Brot auf den Weg. Er verabschiedete sich auch bald und ging vergnügt seiner Wege.

Kaum war er fort, dachte die Alte bei sich: "So ein Trottel, so ein Dummkopf, verkauft einen solchen Schatz für nur hundert Rupien.“

Und was soll ich euch sagen, jede Suppe, die die Alte mthilfe ihres neuen Küchengerätes kochte, gelang, denn - sie kannte das Rezept.

 

Märchen aus Russland, England, Irland, Deutschland

Neu nach Indien erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Tiddalick

Am Anfang der Zeit, noch bevor die Traumzeit begann, war die Erde wüst und leer.

Es gab keine Berge, keine Täler, keine Flüsse und keine Pflanzen. Es gab keine Tiere und keine Menschen. Da war kein Regen, kein Wind, nur Stille und Leere.

Doch dann, als die Traumzeit begann, als die Regenbogenschlange sich vom Himmel herab ringelte und über die Erde glitt, geschah wundersames. Die ersten Berge falteten sich auf, die ersten Täler gruben sich ein. Die ersten Wolken zogen herbei und regneten ab. Da begannen die ersten Flüsse zu fließen, Bäche und Seen füllten sich mit Wasser, die ersten Blumen erblühten, Bäume und Gras begannen zu wachsen und der Sturm wehte die ersten Tiere herbei. Die Welt war grün und vollkommen. Da war auch ein riesiger Frosch. Sein Name – Tiddalick.

Tiddalick war größer als ein Auto. Er war größer als ein Haus. Er war so gewaltig wie ein Berg. Wenn Tiddalick guter Laune war, war es auf der Erde still und freundlich. Aber wenn er schlechter Laune war, dann erbebte die Erde, dann spuckten die Berge Felsen aus. Eines Morgens erwachte Tiddalick und war sehr schlechter Laune. Er hopste zum Bach und als er landete erzitterte der Boden. Er senkte sein breites Maul zum Wasser hinab und trank den ganzen Bach leer. Dann sprang er zum See und als er diesmal landete wackelte die Erde. Er neigte sein Maul zum Wasser und schluckte und schluckte den ganzen See weg. Schließlich hüpfte er an den Fluss. Diesmal bebte die Welt und er soff und soff und soff den ganzen Fluss auf.

Es wurde trocken auf der Welt, es gab kein Wasser mehr, keinen einzigen Tropfen. Die ersten Blumen ließen ihre Köpfe hängen, das Gras verdorrte und die Tiere litten großen Durst. Tiddalick aber war so prall und voll, dass er nicht mehr hüpfen konnte. Er schloss seine Augen und schlummerte ein.

Das Land war ausgedörrt, die Flüsse waren trocken, die Erde war rissig. Die ersten Tiere legten sich schon in den Staub um den Tod zu erwarten. Nichts rührte sich mehr auf der Welt, alles war totenstill.

„Nein Freunde, wir wollen nicht sterben, lasst uns zu Tiddalick hingehen und ihn bitten, uns das Wasser zurückzugeben,“ brummte der weise Wombat, der Beutelbär. Das wollten die Tiere machen. Als erstes versuchte es das Känguru:

„Hey! Tiddalick, ich bin es, das fröhliche springende Känguru. Ich kann gar nicht mehr springen, weil ich so durstig bin. Bitte, gib uns doch unser Wasser zurück!“

Doch Tiddalick rührte sich nicht. Als nächstes versuchte es der Dingo

„Hallo Tiddalick! Ich bin's, der Dingo, der Steppenhund, der nachts immer bellt und heult. Ich kann kaum noch bellen, weil ich kein Wasser mehr habe. Tiddalick, bitte, gib uns doch unser Wasser wieder!“

Doch Tiddalick rührte sich nicht. Dann war der Rieseneisvogel an der Reihe.

"Tiddalick, ich bin es, der Rieseneisvogel, der lachende Hans, der im Urwald so viele Geschichten erzählt und der immer so lacht. Kann kaum noch lachen, kann nur noch im Staube liegend den Tod erwarten. Uns fehlt das Wasser, gib es doch wieder zurück.“

Doch Tiddalick rührte sich nicht. Nicht einmal mit den Lidern gezuckt hatte er und schlief und schlief. Wieder legten sich einige Tiere zum Sterben auf die Erde nieder.

Die Tiere grübelten und grübelten.

Auf einmal ertönte ein winziges Stimmchen.

"Ich hab's, ich weiß was!"

Es war die kleine Malabarratte mit den großen Ohren. Alle lauschten gespannt.

„Wir müssen versuchen Tiddalick zum Lachen zu bringen. Wenn er dann lacht, läuft das ganze Wasser wieder aus seinem Mund heraus!“ Die Idee fanden alle Tiere gut. Sie erhoben sich, schleppten sich mit letzter Kraft zum Riesenfrosch, stellten sich in einem großen Kreis auf und nun versuchten sie, ihn zum Lachen zu bringen.

Als erstes stolzierte der lachende Hans, der Rieseneisvogel, auf und ab und erzählte seine lustigsten Geschichten. Alle lachten sich halbtot, nur Tiddalick, der lachte nicht. Er öffnete nicht einmal die Augen.

Dann versuchte es die Eidechse, die so schöne Grimassen schneiden kann. Sie streckte die Zunge heraus, sie blähte ihre Wangen, sie tobte wirbelnd im Kreis. Die Tiere kugelten sich vor Lachen. Nur Tiddalick, der Frosch, kugelte nicht. Er öffnete nicht einmal seine Augen.

Zuletzt spielten der Emu, der große Vogel, der nur laufen kann und das Känguru miteinander fangen. Der Emu rannte dem Känguru hinterher, über die anderen Tiere hinweg. Dann hüpften sie aufeinander zu, knapp aneinander vorbei, beim dritten Mal prallten sie in der Luft gegeneinander und plumpsten zu Boden. Alle hatten Tränen in den Augen vor Lachen, nur Tiddalick, der Frosch, der lachte nicht. Er öffnete nicht einmal seine Augen.

Die Tiere riefen: "Jetzt komm schon, Tiddalick! Lach doch, du riesiger, fetter, aufgedunsener, glucksender Frosch! Wenn du dich nur sehen könntest, dann würdest du lachen, bis dir die Tränen kämen."

Es war hoffnungslos. Schon legten sich die meisten in den Staub um den Tod zu erwarten, da hörten sie eine leise zarte Stimme, einen seltsamen Schrei. Es war Noyang, der Aal, dem Tiddalick sein Zuhause weg getrunken hatte.

„Darf ich es einmal versuchen?“

Natürlich durfte er. Noyang ringelte sich hin zu Tiddalick, anfangs langsam und anmutig, dann allmählich schneller werdend, drehte sich tänzelnd, schnürte sich wie eine Spirale zusammen und flog hoch, nicht hoch genug, plumpste wieder zu Boden. Abermals schnürte er sich zusammen und sprang - fast bis auf den Bauch des Frosches, rutschte wieder ab. Jetzt aber dreht sich Noyang, immer schneller, wilder, wirbelnder, formt sich zur Sprungfeder, schnellt hoch, noch höher und landet auf dem Bauch des Frosches. Er zieht wie ein kleiner Wirbelwind den mächtigen Bauch des Frosches entlang.

Tiddalick begann zu zittern. Er zitterte und zitterte immer mehr.

Tiddalick begann zu beben. Er bebte und bebte immer mehr.

Er kicherte und kicherte immer mehr. Es begann in ihm zu Gurgeln.

Es gurgelte und gurgelte immer mehr. Die Tiere, die etwas ahnten, suchten sich einen Unterschlupf. Und endlich begann Tiddalick zu lachen. Er lachte und lachte immer mehr. Aus seinem breiten Maul strömte das Wasser, ergoss sich wie ein Wasserfall, der einen Berg hinunterstürzt in die Ebene. Das Wasser füllte den Bach, den See und auch den Fluss. Das Leben zeigte sich wieder. Das Gras wurde grün, die Blumen begannen wieder zu blühen und die Tiere soffen sich satt. Es war wieder schön und freundlich auf der Welt.

 

Ob diese Geschichte wirklich passiert ist?

Jedenfalls gibt es in Australien Frösche, die füllen sich manchmal mit Wasser und graben sich in die Erde ein. Wenn die Australier das sehen, wissen sie, dass eine neue Trockenzeit naht. Dann bewahren sie ihre Wasserstellen und sie erzählen sich diese Geschichte. Die Geschichte von Tiddalick, dem riesigen, gierigen Frosch.

 Märchen aus Australien

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der Tod im Pflaumenbaum

Am Fuße des Artois-Gebirges lebte einmal eine Alte.

Sie hatte einen großen Garten, den sie bearbeitete und der sie ernährte.

Sie war gut zu den Leuten. Wenn ein Bettler vorbeikam und um etwas zu essen bat, gab sie ihm, was sie hatte. Die Bettler der ganzen Umgebung hatten es untereinander weitergesagt:

„Wenn du einmal wirklich in Not bist, geh zu der Alten, die gibt immer.“

Auch ein Heiliger, wenn er auf Erden wandelte, kehrte bei der Alten ein.

Die beiden unterhielten sich dann bei einem Glas Kräutertee und einem Stück Kuchen über Gott und die Welt. Einmal, als der Heilige wieder auf Erden weilte, sprach er zu ihr:

„Alte, der Ruf deiner Güte ist bis ganz nach oben gelangt. Ich bin ausgesandt worden, dir mitzuteilen, dass du einen Wunsch frei hast.“

„Einen Wunsch? Ich brauche nichts.“

„Alte, jeder Mensch braucht etwas.“

„Ich nicht.“

Die Alte blieb stur.

„Muss nicht dein Gartenzaun neu gestrichen werden?“

„Nein, der alte tut es noch.“

„Und dein Dach, soll das nicht einmal neu eingedeckt werden?“

„Nein, das alte ist noch dicht.“

Die Alte schüttelte bei allen seinen Vorschlägen nur den Kopf, aber dann ging ihr Blick durch das Fenster hin zum blühenden Pflaumenbaum.

„Einen Wunsch wüsste ich.“

„Sprich!“

„Ich wünsche mir, dass jeder, der in meinen Pflaumenbaum steigt, dort sitzen bleiben muss, bis ich ihn losspreche.“

„Mütterchen, das ist ein eigenartiger Wunsch.“

„Etwas anderes brauche ich nicht.“

„Nun, es ist nicht meine Aufgabe, dein Begehren zu beurteilen. Wenn das dein Wunsch ist, so soll es sein.“

Die beiden plauderten noch ein Weilchen, dann ging der Heilige seiner Wege.

Die Alte arbeitete den ganzen Sommer über in ihrem Garten als einmal, im Spätsommer, der Tod an ihrem Haus vorbeikam.

Er sah das Häuschen und den Garten:

„Ah, da wohnt doch diese Alte. Sie ist nun über 80 Jahre, sie hat ihr Leben gelebt. Ich werde sie mitnehmen, wo ich gerade in der Gegend bin.“

Er öffnete die Gartenpforte, ging zum Haus und klopfte.

Die Alte öffnete, sie erkannte ihn gleich.

„Ach Tod, du bist es, ich hab schon lange auf dich gewartet.“

„Folge mir, die Zeit deines Abschieds von der Welt ist gekommen.“

„Ich bin bereit, ich komme gerne. Aber halt, Tod, die Pflaumen in meinem Garten sind gerade reif. Bevor ich dir folge, will ich mir noch eine Handvoll Pflaumen pflücken.“

Und denkt Euch! Sie wollte sich glatt am Tod vorbeidrängen.

Doch der Tod war in eiligen Geschäften unterwegs.

„Warte hier, rühr dich nicht von der Stelle! Ich pflücke die Pflaumen.“ Er drehte sich um und schritt zum Pflaumenbaum, kletterte langsam hinauf – und die Alte schaute sehr genau hin. Gerade als er zu pflücken begann, sprach sie:

„Ich wünsche, dass der Tod solange im Baum sitzen bleiben muss, bis ich ihn losspreche.“

Und zack, blieb der Tod kleben. Er konnte sich nicht wieder losmachen und fing an zu rufen. Die Alte scherte sich um nichts, drehte sich um und ging ins Haus. Der Tod begann zu schimpfen, rüttelte an den Ästen, ja, da half er ihr bei der Ernte. Er fluchte, verlegte sich dann aufs Betteln, drohte wieder, doch womit sollte er noch drohen? Er pöbelte vom Baum herunter, die Alte kümmerte sich nicht darum. Der Tod aber dachte bei sich:

'Was soll nur werden, wenn ich keinen mehr von der Erde hole? Es werden immer mehr Menschen werden. Nachher haben sie kaum Platz nebeneinander zu stehen. '

Es begann eine schreckliche Zeit auf Erden. Niemand konnte mehr sterben. Die in den Krankenzimmern verdämmernden Alten wurden nicht erlöst. Die in den Lazaretten unter Schmerzen dahinsiechenden, sie mussten immer weiter leiden. Am schlimmsten erging es den Ärzten, denen es nicht einmal mehr gelang, auch nur den krankesten Patienten zu Tode zu befördern.

Einer, der ein guter Freund des Todes war, kam einmal zum Haus der Alten und bat, sie möge doch den Tod hinunterlassen, das Leid der Menschen würde immer größer. Die Alte kümmerte das nicht. Da wollte der Arzt den Tod befreien, kletterte auch auf den Baum und blieb ebenfalls kleben.

Als aber immer mehr Menschen an ihren Gartenzaun fluteten und sie händeringend um Mitleid für ihre Angehörigen baten, die nicht sterben konnten, ging die Alte zum Pflaumenbaum und sprach mit dem Tod. Sie forderte von ihm, dass sie ihn dreimal rufen dürfe, dann erst solle er kommen und sie holen können. Wohl oder übel musste sich der Tod auf diesen Handel einlassen. Sie sprach ihn und seinen Freund, den Arzt frei. Beide kletterten eilig vom Baum und der Tod begann wieder über die Erde zu ziehen und die Menschen zu schlagen, die einen zu ihrer Erleichterung, die anderen zu ihrem Schmerz.

Und die Alte? Sie lebte noch so manches Jahr, wurde immer älter, müder, verbrauchter und als sie nicht mehr mochte, rief sie den Tod, dreimal, und er kam und führte sie heim ins Paradies, wo schon seit längerem ein Platz für sie freigehalten worden war.

Und wir, die wir noch hier sind?

- Wissen einmal mehr, warum es den Tod auf Erden geben muss.

Märchen aus Frankreich

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Tölpelhans

Ein Elternpaar hatte drei Söhne. Die zwei ältesten hielt man für klug und gescheit.

So klug war der älteste Bruder, dass er den ganzen Tag Nachrichten sah und las, von vorne bis hinten und von morgens bis abends. Er kannte sich in der Welt aus und dachte er wisse alles.

Der zweite hatte viel über Gott und das Geld gelernt. Der wusste, wie man reich wird, und warum man arm bleibt und was Gott wolle und wie die Welt entstanden wäre. Er hielt sich für einen großen und klugen Mann.

Da war eine Prinzessin im Königreich, die hatte verlauten lassen, sie wolle den heiraten, der seine Worte gut zu setzen wisse, also der gut reden könne.

Da meinten die beiden Klugen, nur sie könnten gemeint sein, weil sie ja so schlau wären.

Der Vater gab ihnen zwei Pferde, dem einen mit den Nachrichten ein schwarzes und dem anderen mit dem Gottundgeldwissen ein weißes.

Sie sattelten die Tiere und wollten losreiten. Da kam der jüngste Sohn, von dem ich noch nichts erzählt habe. Der sprach nicht viel, war einfältig und alle nannten ihn nur Tölpelhans.

„Wo reitet ihr hin, Brüder?“

Als er hörte da sei eine Prinzessin zu heiraten, rief er:

„Nehmt mich mit, Brüder, ich will die Prinzessin auch heiraten.“

„Nein, du bist ein Trottel, ein Dummkopf! Du bleibst zu Hause.“

Der Vater wollte ihm auch kein Pferd mitgeben.

„Brauch ich gar nicht! Hab ja meinen Ziegenbock!“

Er pfiff einmal auf den Fingern, da kam sein Ziegenbock herbeigelaufen. Tölpelhans saß auf, rief:

„Hüa!“ schnalzte noch einmal mit der Zunge und der Ziegenbock rannte los. Tölpelhans freute sich darüber seinen Brüdern hinterherzureiten und sang:

„Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!

Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!“

Seine Brüder waren noch zu sehen, als er am Straßenrand etwas bemerkte.

„Brr!“ zügelte er seinen Bock und sprang ab.

Er griff ins Gebüsch am Straßenrand und zog eine tote schwarze Krähe hervor. Fröhlich hob er sie hoch, beschaute sie von allen Seiten, legte den Kopf schief, besann sich und dann sang er raus:

„Die schenk ich der Prinzessin,

die schenk ich der Prinzessin!“

Seine Brüder hatten ihn von Weitem gesehen und waren zurückgekommen. Sie hörten sein Lied, sahen ihn auf der Straße herumtanzen und die tote Krähe schwenken.

„Tölpelhans, das ist eklig! Was willst du damit machen? Diesen toten Vogel kannst du unmöglich der Prinzessin schenken!“

„Doch, Brüder, schaut einmal, das ist die beste tote Krähe der Welt! Augen, Füße, Federn, alles noch dran!“ Er sang weiter:

„Die schenk ich der Prinzessin,

die schenk ich der Prinzessin!“

Dann stopfte er die Krähe in seine Hosentasche. Das sah so unappetitlich aus, dass die Brüder ihre Pferde wendeten und eilig fortritten. Töpelhans aber sprang auf den Rücken seines Ziegenbockes und ritt weiter.

„Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!

Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!“

Ein paar Meilen weiter fand er wieder etwas am Straßenrand. Er hielt an, saß ab und schaute diesmal auf der anderen Seite der Straße nach. Diesmal fand er im Gebüsch einen kaputten, alten Holzschuh.

„Wie wunderbar“, freute sich Tölpelhans, „der ist ja toll, der ist ja fein! Das ist der beste kaputte Holzschuh von der Welt! Oben, gut oben ist er kaputt, aber unten sind nur ein paar Wurmlöcher. Mal nachdenken, oh, ich weiß was ich mit ihm mache!

Den schenk ich der Prinzessin,

den schenk ich der Prinzessin!“ Mit diesen Worten tanzte er auf der Landstraße und schwenkte den Holzschuh in die Höhe. Die Brüder hörten das von Weitem und kamen wieder zurück. Als sie sahen, was er diesmal gefunden hatte, riefen sie:

„Igitt, Bruder, den kannst du nicht der Prinzessin schenken, auf keinen Fall!“

„Aber Brüder, schaut doch, der ist noch gut erhalten. Oben ist er ein bisschen kaputt, aber unten sind nur ein paar Holzwurmlöcher. Das ist der beste kaputte Holzschuh von der Welt. Ich glaube, ja, ich weiß ...

Den schenk ich der Prinzessin,

den schenk ich der Prinzessin!“

Das war den Brüdern peinlich, sie drehten bei und nahmen die Landstraße unter die Hufe.

Tölpelhans pfiff nach seinem Ziegenbock, steckte den Holzschuh unter seinen Pullover und ritt weiter.

„Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!

Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!“

Wieder ein wenig später zügelte Töpelhans sein Reittier abermals, sprang ab und lief an den Straßengraben. Er bückte sich, fuhr mit einer Hand durch das Wasser und schaufelte eine ganze Handvoll Baggermatschschneckenschleim aus dem Graben.

„Oh wie fein! Das ist ja der beste Baggermatschschneckenschleim von der Welt. Oh, wie der durch die Finger rinnt, oh, wie der von den Händen reißt! Ich weiß, was ich damit mache!

Den schenk ich der Prinzessin,

den schenk ich der Prinzessin!“

Die Brüder hatten natürlich auch jetzt wieder bemerkt, dass Tölpelhans etwas gefunden hatte. Neugierig kamen sie näher, aber als sie merkten, womit er da spielte, waren sie außer sich.

„Nein, nein, das ist nun sicher nichts für eine Prinzessin! Das darfst du ihr nicht schenken!“

„Ihr habt mir einmal gar nichts zu sagen. Und Brüder schaut, wie flüssig er mir von den Fingern tropft und wie leicht er von den Händen reißt. Ich glaube ganz bestimmt, es ist der beste Baggermatschschneckenschleim von der ganzen Welt!

Den schenk ich der Prinzessin,

den schenk ich der Prinzessin!“

Da drehten sich die Brüder angewidert ab und ritten zum Schloss. Tölpelhans aber füllte sich die andere Hosentasche mit dem Baggermatschschneckenschleim voll, pfiff nach seinem Ziegenbock und weiter ging es.

„Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!

Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!“

Die Brüder kamen zum Schloss. Da waren viele junge Burschen, die alle die Prinzessin heiraten wollten. Es waren so viele, dass sie sich in einer langen Reihe aufstellen mussten, damit jeder nach der Reihe zu der Prinzessin kam.

Die Prinzessin saß im Thronsaal auf einem silbernen Thron, an den Wänden saßen an Schreibtischen hundert Sekretäre, die schrieben alles auf, was geredet wurde, denn am nächsten Tag sollte das ganze Volk wissen, wen die Prinzessin warum zum Bräutigam erwählt habe. Die Königstochter befragte die Bewerber. Sie wollte ja einen Mann haben der gut zu reden verstünde. Aber die Freier versagten alle. Der älteste Bruder stand in der Reihe und dachte, wenn er bei der Prinzessin wäre, dann würde er etwas zum Weltgeschehen mitteilen, die Prinzessin würde staunen, dann sicher eine Frage stellen, er würde klug antworten und dann würde sie ihn schon nehmen. Aber er als er vor der Königstochter stand, die so schön war und auf ihrem silbernen Thron saß, waren alle seine klugen Worte wie weggeblasen. Das einzige was ihm einfiel, war zu sagen:

„Es ist aber sehr heiß in Eurem Thronsaal, Hoheit!“

„Mein Vater und ich, wir braten heute junge Hähne!“ sprach die Prinzessin achselzuckend.

„Hm, - äh, hm – äh, hm – äh...“ Der Älteste stand da wie ein Schaf und mähte. Da antwortete die Prinzessin nur:

„Taugt nichts. Hinaus mit ihm!“

Da musste er gehen.

Jetzt war der zweite Bruder an der Reihe. Der hatte sich gedacht: ,Ich werde ein wenig vom Geld erzählen, dann noch einen frommen Segen über sie sprechen, dann wird sie mich schon nehmen.' Aber als er vor ihr stand, die so schön war auf ihrem silbernen Thron, da waren alle seine Gedanken wie fortgepustet. Er sprach nur:

„Es ist schon mächtig warm in Euren heiligen Hallen, Hoheit!“

„Wir braten heute junge Hähne!“

„Wie bi..., wie? Wie bi..., wie?“ Die Sekretäre schrieben alle mit: „Wie bi..., wie? Wie bi..., wie?“

„Taugt nichts. Hinaus mit ihm!“

Da musste der mittlere Bruder auch gehen. Viele Jünglinge waren gekommen, alle waren wieder gegangen. Der richtige war nicht dabei gewesen. Kommt da noch einer? - Einer kommt!

Auf seinem Ziegenbock! In den Thronsaal geritten! Es ist Tölpelhans. Er singt:

„Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!

Heißa, Hoppsassa, hier komm ich!“

Der Prinzessin klappt der Mund auf.

Tölpelhans springt vom Ziegenbock, reißt den Hut vom Kopf und verneigt sich.

„Ist ja 'ne Mordshitze hier bei dir Prinzessin!“

Sie fasst sich wieder.

„Nun ja, ich brate heute junge Hähne!“

„Das trifft sich gut. Kann ich mit braten? Einen toten Vogel habe ich schon dabei.“

Mit diesen Worten holte Tölpelhans die Krähe aus der Hosentasche und hielt sie der Prinzessin hin.

„O!“ rief die, „Hast du denn eine Schüssel oder eine Pfanne mit, in der du sie zubereiten kannst?“

„Natürlich Prinzessin!“

Tölpelhans holte unter seinem Pullover den alten Holzschuh hervor und legte die tote Krähe da hinein.

„Oh, Oh! Und wo nehmen wir die Sauce her, hast du daran auch gedacht?“

„Selbstverständlich Prinzessin, hier ist sie!“

Und Töpelhans griff in die andere Hosentasche, fischte den Baggermatschschneckenschleim heraus und ließ ihn über die tote Krähe in dem kaputten Holzschuh laufen.

„Oh! Oh! Oh! Du hast auf drei Fragen eine Antwort gewusst und auch noch etwas passendes dazu mitgebracht. Das ist keinem gelungen!“ Nun wollte sie ihm noch ein wenig Angst machen. Sie deutete auf die Sekretäre:

„Weißt du denn auch, dass alles was wir hier gesprochen haben von den Sekretären aufgeschrieben wurde und morgen in die Zeitung kommt? Und das hier ist der Obersekretär, das ist der schlimmste von allen, der versteht gar nichts!“

„Dann soll er den Rest von meinem Baggermatschschneckenschleim bekommen. Vielleicht wird es dann ja besser!“

Mit diesen Worten leerte Tölpelhans seine Tasche und warf dem Obersekretär den ganzen Rest vom Baggermatschschneckenschleim ins Gesicht.

„Das hätt ich jetzt nicht gekonnt!“ rief die Prinzessin froh, „Aber wenn ich erst mit dir verheiratet bin, kann ich es ja noch lernen!“

So kam es, dass Tölpelhans von der Prinzessin geheiratet wurde. Sie lebten glücklich und

zufrieden und später ist Tölpelhans sogar König geworden. Gar kein schlechter. Er wusste immer das rechte Wort zu sagen und alles, was er fand zum Guten zu wenden. Das ist eine Kunst, die heutige Könige gut von ihm lernen können.

Frei nach Hans-Christian Andersen

Neu erzählt Jörn-Uwe Wulf


Das Töpfchen

Ein Märchen aus der Türkei beginnt fast wie unsere deutschen Märchen.

 ...Es war einmal …

… und war auch nicht...,

 da waren eine Mutter und eine Tochter. Vom Abend bis zum Morgen spann die Mutter Garn zum Nähen und am nächsten Tag nahm die Tochter das Garn und ging damit auf den Bazar. Dort verkaufte sie das Garn und von dem Geld kaufte sie frisches, knuspriges Ekmek, Brot, Fladenbrot. So ging das Tag für Tag. Die Mutter spann in der Nacht das Garn und die Tochter verkaufte es am Tag auf dem Basar. Einmal war sie wieder auf den Markt gegangen. Als sie dort ankam, erblickte sie neben dem Stand mit dem Brot einen Mann, der verkaufte Töpfe.

"Töpfe zu verkaufen, wunderbare Töpfe zu verkaufen!

schöne Töpfe und Töpfchen zu verkaufen!“

Das Mädchen sah ein Töpfchen, das war so schön! Es gab sein ganzes Geld dafür, kaufte es und ging damit nach Haus. Doch als das Mädchen zuhause ankam und die Mutter sah, es bringt kein Geld, kein Brot, nur ein Töpfchen, da war die Mutter zornig. Sie schlug das Kind - und das Töpfchen warf sie auf die Straße. An diesem Abend mußten die beiden hungrig zu Bett gehen. Das Töpfchen lag auf der Straße. Lag da und lag. Da kam die Hebamme vorbei, sie war gerade von einer Geburt gekommen und sah das Töpfchen.

„Oh, was für ein schönes Töpfchen!“ Sie hob es auf und trug es nach Hause. Dort reinigte sie das Töpfchen und dann kochte sie etwas darin. Was sie kochte? Eine köstliche Weinblattroulade - Sarma! - Das sind Weinblätter, gefüllt mit Reis und Pinienkernen.

Gleich ist das Essen fertig, gleich kann sie essen, da klopft es an der Tür- und sie wird zu einer Geburt gerufen, sie kann jetzt nicht essen.

"Gut, dann eß ich halt, wenn ich wieder komme."

Sie macht sich fertig und verläßt ihr Haus.

Kaum ist sie draußen,

steht das Töpfchen auf,

läuft los,

holterdipolter,

über die Straße,

zum Haus des Mädchens,

klopft an die Tür.

Das Mädchen ruft:

"Wer ist draußen?" -

"Das Töpfchen!" - ruft es von draußen.

"Und was ist drinnen?" -

"Eine leckere Weinblattroulade!"

Das Mädchen öffnet die Türe und da steht das Töpfchen. In ihm duftet eine köstliche Weinblattroulade. Die Speise hat es sich mit seiner Mutter geteilt. Aber dann - hättest Du das getan? - werfen sie das Töpfchen wieder auf die Straße. Bestimmt hat das Töpfchen eine kleine Beule bekommen. Es liegt und liegt auf der Straße, es läge bestimmt heute noch auf der Straße, doch da kommt die Sultanin, die Königin, mit ihrer Dienerin Suleika vorbei,.

Und Suleika sieht das Töpfchen.

„Schaut einmal, Frau Sultanin, schaut einmal, was für ein hübsches Töpfchen liegt hier auf der Straße.“ „Heb es auf, Suleika!“ befiehlt die Sultanin. Suleika hebt das Töpfchen auf und trägt es der Königin hinterher. Die beiden gehen in ein Hamam, in ein Badehaus. Dort zieht die Sultanin ihre Kleider aus, nimmt ihre Perlenkette ab und legt sie in das Töpfchen. Sie streift all ihre goldenen Ringe von den Fingern und legt sie? - in das Töpfchen! Sie löst ihre Edelsteinbrosche ab und … Genau!

Das Töpfchen vertraut sie ihrer Dienerin an:

„Paß gut darauf auf, Suleika, das ist mein kostbarer Schmuck!“ Dann legt die Königin sich in das warme Bad und genießt.

Und Suleika paßt gut auf das Töpfchen auf, aber sie ist müde. Sie schläft ein.

Da steht das Töpfchen auf,

läuft los,

holderdipolter,

über die Straße,

zum Haus des Mädchens,

klopft an die Tür.

Das Mädchen ruft:

„Wer ist draußen?“

„Das Töpfchen!“

„Und was ist drinnen?“

„Etwas Schönes!“ ruft das Töpfchen. Das Mädchen läuft zur Tür, öffnet. Da steht das Töpfchen wieder vor der Tür und drinnen glitzert und funkelt es von Gold und Silber und Edelsteinen. Das Mädchen hebt das Töpfchen hoch. Es faßt hinein und zieht eine kostbare Perlenkette daraus hervor! Die legt es sich um den Hals. Da ist auch eine Edelsteinbrosche, so wunderbar. Es steckt sie sich ans Kleid – und goldene Ringe, - es streift sie sämtlich über seine Finger. Das Mädchen ist so schön geschmückt. Es ist so schön wie der Vollmond! Das Töpfchen aber - hättest du's gemacht? - das Mädchen nimmt das Töpfchen, und wirft es wieder auf die Straße. Da liegt das Töpfchen auf der Straße. Liegt da und liegt da, hat bestimmt noch ein Beulchen bekommen, läge bestimmt heute noch da, wenn nicht, ja wenn nicht der Padischa vorbeigekommen wäre, der Prinz mit seinem Diener, dem Lala. Und der Lala erblickt das Töpfchen:

„Padischa, Prinz, schau einmal, was für ein schönes Töpfchen!" -

"Heb es auf, Lala!" Der Lala bückt sich , hebt das Töpfchen auf und trägt es dem Prinzen hinterher. Die beiden gehen auch in ein Hamam, ein Badehaus, - für Männer. Im Badehaus zieht der Prinz seine Kleider aus, wäscht sich, pudert sich, pomadisiert seine Haare, zieht sich saubere Gewänder an - weißt du was dann passiert?

- da nimmt das Töpfchen den ganzen Prinzen in sich auf und läuft mit ihm los,

langsamer

holterdipolter,

über die Straße,

zum Haus des Mädchens,

klopft an die Türe.

"Wer ist draußen?" -

"Das Töpfchen!" -

"Und was ist drinnen?" -

"Ein kleiner Bräutigam!"

Das Mädchen rennt zur Türe, reißt sie auf, da steht das Töpfchen vor der Türe, nun schaut sie aber sehr genau hin. Da steigt ein schöner Prinz daraus hervor. Der ist so schön – so schön wie der Vollmond. Der Prinz schaut das Mädchen an. Das Mädchen schaut den Prinzen an.

" Willst du mich heiraten?" - Das Mädchen schaut den Prinzen an. -

"Ja!"

Und sie feiern Hochzeit.

Vierzig Tage und vierzig Nächte feiern sie Hochzeit. Das Töpfchen werfen sie nie wieder auf die Straße. Das bekommt einen Ehrenplatz auf dem Ehrenteppich. Die beiden haben das Ziel ihrer Wünsche erreicht.

Mögen sich eure Wünsche auch alle erfüllen.

Machen wir es uns auf dem Diwan oder unserem Sofa bequem.

Märchen aus der Türkei, neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der verlorene Rubin

Der König war traurig. Er saß in seinem Thronsaal von seinen Ministern umrundet.

Sein oberster Wesir, ein weiser Mann sprach zu ihm:

„Majestät, warum so betrübt heute? Herr, Ihr solltet den Gram nicht überhandnehmen lassen. Das Glas ist nicht immer halbleer, es ist auch halbvoll. Eure Traurigkeit wirkt sich schon auf Eure Regierungsgeschäfte und damit auf das Königreich aus.“

Der König war ziemlich angefressen von dieser Bemerkung.

„Was sollen diese Kalendersprüche? Du solltest einmal in meiner Situation sein, dann würdest Du schon sehen...!“

Er nahm sich vor, seinen Ratgeber zu prüfen.

Am nächsten Tag rief er ihn zu sich.

„Mein Guter, hier habe ich einen kostbaren Rubin. Könntest Du ihn für mich verwahren?“ Der Wesir nahm ihn an sich und ging damit nach Hause.

Als er ankam, lüftete seine Frau gerade die Räume. Er bat sie, den Rubin bei Ihren Schmucksachen zu verwahren. Sie nahm den Stein und legte ihn ohne groß darüber nachzudenken zu ihren Geschmeiden.

Der König aber sandte eine Spionin hinter dem Wesir her. Die sollte beobachten, was mit dem Stein geschähe.

Sie brachte es heraus, stahl den Rubin und brachte ihn zum König zurück.

Als der ihn wieder in Händen hielt, ließ er ein Fenster seines Palastes öffnen und schleuderte ihn in den Fluss, der am Palast vorüberzog. „Nun wollen wir sehen, ob mein Ratgeber seinen eigenen Ratschlägen folgen wird.“ Am nächsten Morgen rief er seinen Minister zu sich.

„Mein Guter, hast Du den Rubin noch, den ich Dir gestern gab?“

„Jawohl Herr!“

„Gut, dann geh und hole ihn mir, ich möchte ihn gerne wiederhaben!“

Der Minister eilte heim. Er bat seine Frau um den Edelstein. Die suchte in ihrer Schmuckschatulle, konnte ihn nicht finden, schaute noch einmal, dann durchsuchte sie ihr Zimmer, dann suchten beide, dann durchkämmten sie das Haus. Nichts.

„Herr,“ sprach der Wesir zum König, „ich habe den Stein sicher noch, aber ich kann ihn gerade nicht finden, ich brauche ein wenig Zeit.“

„In Ordnung,“ meinte der König leutselig, „Ich gebe dir drei Tage. Wenn du ihn bis dann nicht wiederbringst, lasse ich dir den Kopf abschlagen, deine Frau auch hinrichten, dein Haus einreißen und dein Grundstück durch Esel umpflügen, nur das du es weißt.“ Schweren Herzens verließ der Wesir den Palast. Zu Haus durchsuchten die beiden Eheleute noch einmal alles. Verloren. Die beiden Eheleute nahmen sich trauernd in den Arm.

„Wir haben niemanden, dem wir etwas vererben könnten,“ sprach sie.

„Und es scheint so, als wenn wir in drei Tagen sterben sollen,“ fügte er hinzu.

„Was können wir anderes tun, als uns an uns zu erfreuen?“ „Lass uns das beste machen aus der Zeit, die uns noch bleibt...!“

„Ich würd‘ auch gerne Gutes tun.“

Seine Frau seufzte:

„Das Schicksal hat uns schlimm genug mitgespielt. Ich möchte mich der letzten Tage gerne würdig erweisen. Und mein Leben fröhlich feiern.“

„Du bist mein Schatz!“

Und jetzt begannen sie Feste vorzubereiten und zu feiern.

Sie ließen frische Blumen kommen und verwandelten ihr Haus in ein Blütenreich.

Sie engagierten Köche für die feinsten Speisen.

Sie liebten sich, sie plauderten, sie buchten Spielleute, die in ihrem Haus konzertierten.

Sie ließen Märchenerzähler kommen, die ihnen die schönsten, die geistreichsten, die inspirierendsten Geschichten erzählten (www.maerchenraum.de)

Sie luden Freunde ein, sie bauten vor dem Haus eine Armenküche auf und speisten drei Tage lang die Armen des Viertels.

Sie verschenkten ihren Hausrat, sie spendeten für Bedürftige.

Musik und Lachen erhellte das Haus.

Niemand, der vorsprach, ging mit leeren Händen davon. Nach drei Tagen hatten sie all ihr Hab und Gut weggegeben.

Da war eine Blumenfrau. Sie hatte gute Geschäfte mit der Ausstattung des Hauses gemacht. Die hatte eine Freundin, eine Fischverkäuferin.

„Weißt du was? Im Haus des Wesirs, gibt es große Feiern und man ist sehr freigiebig dort. Niemand weiß warum eigentlich, aber wenn dein Mann einen feinen Fisch hat, solltest du auch mal zu den Leuten gehen. Die geben bestimmt viel Geld.“

Die Fischersfrau fragte ihren Mann, der hatte gerade einen fantastischen Fisch gefangen. Sie trug ihn zum Haus des Wesirs und bot ihn an.

Der Minister schaute ihn an, kaufte ihn und trug ihn zu seiner Frau.

„Schatz, wir haben nur noch ein paar Stunden... Du kannst doch so einen schmackhaften Fischcurry zubereiten. Magst Du noch einmal diese Speise kochen?“

Seine Gattin mochte. Sie öffnete den Fisch... Muss man noch weitererzählen?

Ich weiß nicht, ob der König aus dieser Geschichte etwas gelernt hat. Ich jedenfalls knabbere noch heute dran.

Aus Kaschmir

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf


warum die Sonne von morgens bis abends über den Himmel zieht

Da war einmal ein Riese, dem schien die Sonne zu hell am Himmel. Er ging aus seinem Haus raus, reckte sich, stellte sich auf die Zehenspitzen, machte sich ganz lang und pflückte die Sonne vom Himmel. Er nahm sie mit zu sich nach Hause und legte sie in eine Truhe.

Da fand er es schön finster auf der Welt. Aber – die Blumen hörten auf zu blühen, die Vögel hörten auf zu zwitschern, und die Bäche hörten auf zu plätschern.

Da war ein alter weiser Rabe, der mochte das nicht. Seine Rabenjungen hatten Angst in der Dunkelheit. Er hatte aber von seinem Großvater ein paar Zaubersprüche gelernt und wollte die Sonne wiederholen. Er flog zum Riesenhaus, setzte sich auf den Schornstein und schaute ins Haus hinab. Da sah er das Riesenwohnzimmer, die Kiste mit der Sonne und das Riesenbaby im Riesenbabybett. Der alte Rabe machte sich ganz schlank und rutschte zum Schornstein hinab ins Haus. Er stellte sich neben das Riesenbabybett, schlug dreimal mit den Flügeln, drehte sich dreimal um sich selbst und sprach diesen Zauberspruch:

Krah, krah, krorum,

Dreimal krah brimborum.

Rabenbein und Mondenlicht,

Was du bist, das bist du nicht!

Krah, krah, krorum,

Dreimal krah brimborum.

Da verwandelte sich das Riesenkind in ein Rabenjunges. Der alte Rabe nahm das verzauberte Riesenkind vorsichtig mit seinem Schnabel auf und flog dann in sein Nest zurück.

„Hier, Rabenmutter, noch ein Kind, pass gut darauf auf!“

Dann flog er wieder zum Riesenhaus, rutschte durch den Schornstein und hüpfte ins Riesenbabybett. Er drehte sich dreimal um sich selbst, schlug dreimal mit den Flügeln und krächzte:

Krah, krah, krorum,

dreimal krah brimborum,

Rabenbein und Mondenlicht,

Was ich bin, das bin ich nicht!

Krah, krah, krorum,

Dreimal krah brimborum.

Da wurde der Rabe zum Riesenkind. Kaum hatte er sich verwandelt, kam der Riese nach Hause. Er freute sich:

„Ha, ist das endlich schön dunkel in der Welt.“ Er setzte sich in den Schaukelstuhl und schloss die Augen. Da begann das Riesenbaby zu rufen:

„Papa, ich will die Sonne haben!“ Der Riese öffnete die Augen.

„Nein, mein Kind, die Sonne ist nichts für kleine Kinder.“

„Papa, ich will aber die Sonne haben!“

„Nein, mein Kind, die Sonne kriegst du nicht.“

„Ich will aber die Sonne haben!“

„Nein, Riesenbaby, die Sonne gibt es nicht für dich.“

„Ich wiiiiilll aaaaaber die Sonne haben, ich will mir ihr spielen!“ schrie das falsche Riesenkind.

Der Riese war ganz verzweifelt. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er lief zur Kiste mit der Sonne, öffnete sie, holte die Sonne heraus und warf sie dem Riesenkind ins Bett.

„Da hast du deine Sonne!“

Ganz hell war es jetzt im Riesenhaus. Der Riese lief in den dunklen Wald hinein. Kaum war er draussen, drehte sich das Riesenkind dreimal um sich selbst, wedelte mit seinen Armen und rief:

Krah, krah, krorum,

dreimal krah brimborum,

Rabenbein und Mondenlicht,

Was ich bin, das bin ich nicht!

Krah, krah, krorum,

dreimal krah brimborum,

Und wurde wieder zum alten Raben. Er wollte die Sonne durch den Schornstein drücken. Doch der Schornstein war zu eng. Er versuchte die Sonne durch das Fenster zu schieben, das Fenster war zu klein. Da öffnete der Rabe die Türe und rollte die Sonne nach draussen. Kaum war sie wieder unter freiem Himmel, da stieg sie sofort hoch hinauf, aufwärts, immer weiter. Es war wieder hell und freundlich auf der Welt. Die Vogelkinder zwitscherten wieder, die Blumen begannen wieder zu blühen, und die Bäche plätscherten. Der alte Rabe flog zum Rabennest, packte das falsche Rabenjunge und trug es zum Riesenhaus zurück. Er setzte es in das Babybett, drehte sich dreimal um sich selbst, schlug dreimal mit den Flügeln und sprach:

Krah, krah, krorum,

Dreimal krah brimborum.

Rabenbein und Mondenlicht,

Was du bist, das bist du nicht!

Krah, krah, krorum,

Dreimal krah brimborum.

Da saß das echte Riesenkind wieder in seinem Bett. Der Rabe flog schnell zu seiner Familie zurück. Bald kam der Riese nach Hause.

„He, wer hat dich herausgelassen?“ schimpfte er die Sonne an. Er versuchte sie wieder vom Himmel zu pflücken, doch die Sonne stand zu hoch. Er holte eine Leiter und legte sie am Himmel an. Doch die Sonne hat gut aufgepasst. Als der Riese näher kam, ist sie einfach ein Stück weiter am Himmel gerückt. Der Riese kletterte hinab, verschob die Leiter ein wenig und stieg wieder hinauf. Doch die Sonne ist noch ein Stück weitergezogen und der Riese hat sie nicht bekommen. Und seit dem Tag zieht die Sonne von morgens bis abends über den Himmel und kein Riese hat sie je wieder vom Himmel pflücken können.

 

Märchen der Indianer


Widewau

Es war ein­mal ein Mül­ler, von dem sag­ten die Leu­te, er wä­re so grob wie Boh­nen­stroh.

Niemand mochte mit ihm etwas zu tun haben.

 

Wäre in der Nähe eine andere Mühle gewesen, die Bauern wären mit ihrem Korn dorthingegangen um es mahlen zu lassen. Aber weit und breit gab es nur diese Mühle und alle mussten zu ihm.

So kam der Mül­ler im­mer mehr in die Wol­le und wur­de zu­letzt ein rei­cher Mann. Da­bei war er so geizig, dass er sich nichts gönnte, immer nur arbeitete und das auch von seiner Frau und seiner Tochter verlangte. Dabei freute er sich über nichts außer seinem gefüllten Geldbeutel. Ei­nes Ta­ges klopfte eine al­te Frau an seine Tür und bat um etwas zu essen.

 

Die kam aber schön an! Der Mül­ler wet­ter­te auf sie los:

„Fort von mei­ner Tür, du al­te He­xe, sonst las­se ich den Hund los! Elen­des Bett­ler­ge­sin­del! Kommt nur, um zu se­hen, wo es was zu steh­len gibt.“

 

Die Al­te woll­te noch wei­ter bit­ten, er jag­te sie oh­ne Mit­leid von sei­nem Ho­fe. Sie ging traurig fort. Unterwegs traf sie einen Müllersburschen auf Wanderschaft. Der wollte noch mehr lernen, war arm und neugierig auf die Welt. Bis­her war's ihm schlecht ge­gan­gen. Selten hat­te er Ar­beit ge­fun­den, und sei­ne we­ni­gen Spar­gro­schen wa­ren auch schon ver­zehrt.

 

„Gu­ten Abend, Mütterchen“, grüßte er freundlich die Alte, „weißt du nicht, ob hier ei­ne Müh­le in der Nä­he ist?“ Sie wies ihm den Weg zu der Müh­le, von der sie eben kam.

 

„Du ge­fällst mir, und du bist arm wie ich. Ich helfe dir, doch du musst auch etwas tun.

Hör zu und mach, was ich dir sa­ge, es wird dein Glück sein. - Wenn du an den Mühl­bach kommst, wirst du ein schwar­zes Stein­chen entdecken.

 

Heb es auf und nimm es mit. Dann geh zur Mühle, gleich ins Haus, sie werden dich nicht auf­neh­men wol­len. Doch du bleibst da und sagst, wenn sie schimp­fen nur im­mer: ,Schönsten Dank!' Iss und trink auch dann, wenn du nicht da­zu ge­be­ten wirst, sag wieder: ,Schönsten Dank!' und dann leg dich ins Bett, oh­ne dass man dich da­zu auf­for­dert. Wenn aber in der Nacht al­les schläft, dann schleiche dich zum Herd und leg das schwarze Stein­chen in die Asche. Am nächsten Morgen werden dann alle im Hause närrisch sein; das soll die Stra­fe für den Mül­ler sein. Und nur du kannst hel­fen. Du nimmst nämlich ein­fach das Stein­chen wieder aus der Asche heraus.

 

Sei klug! Du kannst dort dein Glück ma­chen.“

 

Dem Mül­ler­ge­sel­len kam das al­les recht be­denk­lich vor. Aber da die Al­te sag­te, es wür­de al­les gut wer­den, ver­sprach er's und verabschiedete sich von ihr. Er kam an den Mühl­bach, fand das Stein­chen und steck­te es ein. Dann ging er in die Müh­le und bat die Mül­le­rin um ein Nachtlager.

 

„Nein, hier ist kei­ne Her­ber­ge.“ - „Schön­sten Dank“, sag­te er, leg­te sein Rän­zel ab und setz­te sich auf die Ofen­bank. ,Der muss taub sein', dach­te die Frau.

 

„Du hast mich wohl nicht ver­stan­den“, sag­te sie laut, „Du darfst hier nicht blei­ben!“ - „Schön­sten Dank, schön­sten Dank!“ er­wi­der­te er freund­lich, und was sie auch vor­brach­te, wie oft sie ihm die Tür wies, stets ant­wor­te­te er „Schön­sten Dank!" und blieb ru­hig sit­zen. - Nun kochte die Frau für ih­ren Mann das Es­sen und trug die Schüssel auf den Tisch.

 

Der Geselle griff zur Kelle und füllte sich auf.

 

„Schön­sten Dank!“ rief er und fing an zu es­sen.

 

„Das ist für mei­nen Mann!“ schrie die Frau wü­tend.

 

Er kehr­te sich nicht dar­an, löf­fel­te wei­ter, sag­te da­zwi­schen „Schön­sten Dank!“ und hieb ein, dass der Frau angst und ban­ge wur­de.

 

Da kam ihr Mann nach Hau­se.

 

„Gott sei Dank, dass du da bist“, rief sie ihm ent­ge­gen und er­zähl­te ihm von dem un­heim­li­chen Gast. Der Mül­ler fuhr wü­tend auf den Frem­den los; der aber tat, als wür­de ihm die größ­te Freund­lich­keit er­wie­sen und be­ant­wor­te­te al­les Schimp­fen im­mer nur mit „Schön­sten Dank!“

 

Der Mül­ler hätte ihn am lieb­sten zur Tür hin­aus­ge­wor­fen, aber er sah, der Kerl war jung und stark, wer weiß, wie das ab­lief.

 

„Mach mir mein Bett“, sag­te er end­lich zu sei­ner Frau, „ich bin mü­de."

 

Die Frau mach­te das Bett, da zog sich der Frem­de oh­ne wei­tere Um­stän­de aus, sag­te „Schön­sten Dank!", leg­te sich in die Fe­dern und schlief bald wie ein Klotz. Müllerin und Müller hät­ten ihn am lieb­sten hin­aus­ge­prü­gelt, aber sie fürch­te­ten sich vor sei­nen Fäu­sten. Er blieb lie­gen, und sie muss­ten sich ein La­ger auf dem Fuß­bo­den ma­chen. In der Nacht aber, als al­les schlief, stand der Ge­sel­le auf, leg­te das schwarze Stein­chen in die Asche und ging wie­der ins Bett. Früh­mor­gens weck­te die Mül­le­rin ih­re Toch­ter damit sie Kaf­fee koch­te.

 

Wie aber das Mäd­chen sich zum Her­de bück­te und den Mund spitz­te, um die Fun­ken wie­der an­zu­bla­sen, da mach­te ihr Mund auf ein­mal:

„Www... wi­de­wau, wi­de­wau, wi­de­wau.“ Nichts als „wi­de­wau“ kam über ih­re Lip­pen, und das Feu­er ging nicht an. Da wur­de ihr Angst, sie fing an zu wei­nen und lief zur Mut­ter.

 

„Wi­de­wau, Mut­ter, das Feu­er, wi­de­wau, will nicht bren­nen, wi­de­wau, ach wi­de­wau Mut­ter, wi­de­wau, ach, was ist das doch, wi­de­wau­wi­de­wau­wi­de­au­wau­wau.“

 

Die Mut­ter warf die Klei­der über, lief hin und ver­such­te es selbst. Kaum bück­te sie sich aber zum Herd und spitz­te den Mund, da muss­te auch sie in ei­nem fort ru­fen:

„Wi­de­wau, wi­de­wau!“ Der Mül­ler, dem es mit dem Kaf­fee zu lan­ge dau­er­te, kam da­zu, schimpf­te auf die Weibs­leu­te, die gar nichts ver­stän­den, nahm die Zan­ge, leg­te das Holz zu­recht und pustete aus Lei­bes­kräf­ten. Aber:

„Wi­de­wau, wi­de­wau, wi­de­wau“, ging das auch bei ihm, „was zum Teu­fel ist da los, wi­de­wau­wau­wau.“ Und Va­ter, Mut­ter und Toch­ter wi­de­wau­ten, daß ei­nem die Haa­re hät­ten zu Ber­ge ste­hen kön­nen. Die Tochter lief zum Nachbarn.

 

„Gu­ten Mor­gen, Herr Nachbar, wi­de­wau­wau­wau, kom­men sie doch mal, wi­de­wau, und hel­fen sie uns, wi­de­wau, wi­de­wau, wir sind al­le be­hext wi­de­wau­wau­wau, und das Feuer geht nicht an.“ Der Nachbar lachte: ,Scha­de um das Kind, es war doch sonst so ge­scheit!' und ging mit. Da stan­den Mül­ler und Mül­le­rin am Her­de und schrien auch:

 

„Wi­de­wau, wi­de­wau.“ Als der Nachbar end­lich verstanden hatte, dass es ums Feuer machen ging, wollte er helfen, bückte sich, spitzte die Lippen und es erging ihm nicht bes­ser. „Wi­de­wau, wi­de­wau, wi­de­wau-wau-wau“, fing auch er nun an. Da war gu­ter Rat teu­er. Es blieb nichts an­de­res übrig, als die Lehrerin zu ho­len, die konn­te viel­leicht den Zau­ber lö­sen.

 

„Wi­de­wau, Frau Lehrerin, wi­de­wau! Ach, kommt doch, wi­de­wau; wir wis­sen uns nicht zu hel­fen, wi­de­wau­wau­wau“, kam die Mül­ler­stoch­ter atem­los zur Lehrerin ge­lau­fen. Die folg­te ganz er­staunt dem Mäd­chen, um zu se­hen, was es da gä­be. Da fand sie die gan­ze Ge­sell­schaft am Her­de ste­hen und widewauen.

 

„Wi­de­wau, Frau Lehrerin, ach ver­treibt doch nur den bö­sen Geist, wi­de­wau-wau-wau, da in dem Herd“, so rief der Mül­ler. „Wi­de­wau, ich will auch ein ganz an­de­rer Mensch wer­den, wi­de­wau­wau­wau, ich will nicht mehr grob und gei­zig sein, wi­de­wau, wi­de­wau.“

 

Die Lehrerin rück­te ihre Bril­le zu­recht und setz­te sich ge­gen den Herd in Be­we­gung. - Und jetzt spitzt ihr na­tür­lich al­le dar­auf, wie es der Lehrerin wohl er­ge­hen wird. Das könn­te euch wohl pas­sen - aber das weiß kein Mensch auf der gan­zen Welt. Denn in­zwi­schen war der Müllersbursche ne­ben­an von dem Lärm mun­ter ge­wor­den und hat­te rasch sei­ne Klei­der über­ge­wor­fen. Wie er hör­te, was der Mül­ler ge­lob­te, kam er her­ein, sah die schöne Müllerstochter, wie sie mit den an­deren um die Wet­te wi­de­wau­te, und sag­te zum Mül­ler:

„Herr Müller, ich will Euch von die­sem Zau­ber be­freien, wenn ich Eure Tochter heiraten darf!“- „Wi­de­wau, wenn sie dich, widewau, haben will, einverstanden, wi­de­wau, und die Müh­le sollst du auch bekommen, wi­de­wau, aber nimm dieses Wort aus unserem Mund!“, rief der Mül­ler.

 

Der Bursche bück­te sich, sto­cher­te ein we­nig die Asche auf und nahm un­be­merkt das Stein­chen dar­aus her­vor. Dann schich­te­te er das Holz über­ein­an­der, blies hin­ein, und im Nu brann­te es hell und lu­stig, und so­fort konn­ten wie­der al­le or­dent­lich und ver­nünf­tig re­den, und von wi­de­wau war nichts mehr zu hö­ren. Der Mül­ler hielt Wort; er gab dem jun­gen Ge­sel­len sei­ne Toch­ter zur Frau, sie fan­den gro­ßes Wohl­ge­fal­len an­ein­an­der.

 

Das jun­ge Paar übernahm die Mühle und so hat­te die Not des jun­gen Mül­lers­bur­schen ein En­de.

Er ver­gaß er im Glück auch sei­ne ar­men El­tern nicht, un­ter­stütz­te sie reich­lich, und so wa­ren al­le glück­lich ihr Leb­tag. Und wir wollen noch glücklicher sein.

 

Aus Deutschland

Nacherzählt von Jörn-Uwe Wulf


Der wunderbare Garten

Assan und Hassan waren Freunde. Ihre Frauen Schuike und Aislu waren Freundinnen. Assan und Schuike beackerten ein paar Felder, sie hatten eine Tochter, Hassan und Aislu hatten einen Sohn und besaßen Schafherden.

Als eine Tierseuche ihre Schafe vernichtete, weinten Hassan und Aislu sehr. Aber Schuike und Assan waren sich einig.

„Weint nicht, wir überlassen euch die Hälfte unseres Landes.“

Von nun an arbeitete Hassan als Bauer. Einmal fand er beim Pflügen eine Kiste in der Erde. Er brach sie auf und sie war voller Goldstücke. Er brachte den Schatz nach Hause. Aislu meinte: „Wir müssen den Schatz zu Assan und Schuike bringen.“ Sie trugen die Kiste zu den Freunden.

„Hier meine Lieben, diesen Schatz haben wir in der Erde gefunden. Er gehört euch.“ Da rief Schuike:

„Nein, ihr habt ihn auf eurem Acker gefunden. Ihr braucht das Geld.“

Die vier begannen zu streiten. Keiner wollte das Vermögen besitzen. Da besannen sie sich auf ihre Kinder.

„Die beiden lieben sich doch. Wir wollen ihnen den Schatz zur Hochzeit schenken.“

Endlich konnten die beiden jungen Leute heiraten. Doch am Morgen nach der Hochzeit kam das Paar zu den Eltern und brachte die Kiste zurück.

„Wir brauchen das Gold nicht. Wir sind in unserer Liebe reich genug.“

Erst wollten die Eltern nichts davon hören. Sie begannen richtig zu streiten. Schließlich wurden sie still. Assan erinnerte sich an einen weisen Mann, der mit seinen Schülern in den Bergen eine Höhle

bewohnte.

„Lass uns den befragen, was wir mit dem Gold anfangen sollen.“, meinte Hassan.

Die beiden Männer machten sich auf den Weg in die Berge. Der Alte empfing sie mit einem Tee. Man plauderte und dann erzählten die beiden von ihrem Anliegen.

Der Alte sah eine gute Gelegenheit, seine Schüler zu prüfen, rief sie zu sich und fragte.

„Was sollte man mit diesen Schätzen unternehmen?“ Der erste sprach:

„Alles auf und unter der Erde gehört doch dem Khan. Man soll den Schatz dem Khan schenken.“ Der Alte schüttelte den Kopf.

Der zweite meinte:

„Wenn keiner das viele Geld haben will, kann man es doch mir geben. Ich wüßte schon, was ich damit machen könnte.“ Das Gesicht des Alten verfinsterte sich allmählich. Der dritte trat vor:

„Ich denke, wenn das Geld nicht gebraucht wird, solte man es wieder in der Erde eingraben.“

Der Weise verzog das Gesicht. Der vierte und jüngste Schüler war jetzt an der Reihe.

„Einer sollte das Geld auf den Bazar tragen und damit Sämereien und Saatgut einkaufen. Das sollte in der Wüste eingesät werden und man soll damit einen Garten oder sogar Park aufwachsen lassen in dem arme Leute Schatten finden, wo Blumen blühen und jeder sich etwas Obst pflücken kann.“ „Du sagst das Richtige, Sohn! Mach dich auf in die Stadt und kaufe mit dem Gold das beste Saatgut. Wenn du zurück bist, sollst du den Garten anlegen.“

Lange ritt der Jüngling zur Stadt. Auf einem Platz erblickte er den Hodscha Nasreddin. Der saß gelassen unter einem Baum und rauchte.

Der Schüler freute sich bei diesem Erlebnis und suchte nun den Markt.

Dort besah er sich alle Angebote. Auf einmal hörte er seltsame Rufe und Schreie. Er sah sich um und entdeckte eine Karawane, die gerade auf den Platz zog. Die Kamele trugen hunderte von Vogelkäfigen in denen ungezählte Vögel gefangen waren. Auf vielen Tragtieren waren auch Bündel mit an den Füßen zusammengebundenen Vögeln befestigt. Ihre bunten Federn waren gesträubt und aufgeplustert, sie flockten wie Stofffetzen. Ihre Schreie und Rufe machten den Jüngling traurig. Er ging zu dem Karawanenfüher, dem Karawanbaschi, und verneigte sich.

„Warum müssen die Tiere so leiden, warum hast du sie gefangen?“

„Die Vögel sind alle für den Khan (den König). Er liebt die Suppe aus ihrem Fleisch. Und kleine pikante Vogelzungensalate sind ihm das Höchste. Die Ladung ist fünfhundert Goldstücke wert.“ „Lässt du die Vögel frei, wenn ich dir tausend Goldstücke gebe?“

Der Karawanbaschi wollte kopfschüttelnd weiterziehen, da öffnete der Jüngling die Kiste und zeigte das Gold. Es war mehr, als der Karawanbaschi je gesehen hatte.

„Wenn du die Vögel jetzt freilässt, gehört das Gold dir.“

Der Vogelhändler nahm ein Messer und schnitt damit die Bänder und Stricke durch, an denen die Vögel gefesselt waren. Er öffnete die Käfige und entließ die Vögel in die Freiheit. Die Vögel, die noch konnten, spreizten ihre Schwingen und hoben sich in den Himmel hinauf. Sie kreisten noch ein paar mal um den Marktplatz und ihr Gesang ließ alle aufschauen. Einige Menschen weinten vor Freude. Dann flogen die Tiere fort.

Der Jüngling übergab alles Gold feierlich dem Karawanbaschi und ritt wieder zurück. Doch je näher er seinem Zuhause kam, desto schwerer wurde sein Herz.

„Was hab ich getan? Das Geld hatte einen ganz bestimmtem Zweck. Mein Lehrer wird schimpfen. Und die Leute, die mir das Gold gegeben haben, was sage ich denen?“

Er kam seinem Aul (Dorf) immer näher. Es war Abend geworden. Er breitete Matte und Decke aus und legte sich in der Wüste hinter einen Felsen. Seine Sorgen waren so groß, dass er weinen musste. Endlich schlief er ein. Ihm träumte. Ein großer weißer Vogel landete neben ihm.

„Wach auf! Weine nicht, lieber Junge! Wir Vögel danken dir für dein großes Herz. Wach auf, schau!“ Er schlug die Augen auf und erblickte das weite Land. Da bewegte sich doch etwas. Jetzt sieht er, dass es die Vögel sind, die er freigekauft hat. Was machen sie da? Sie graben und scharren mit ihren Krallen Löcher in den Boden. Jetzt werfen sie etwas in die Löcher hineinfallen. Es sind Samenkörner, weiße Samenkörner. Und dann fegen sie mit ihren Flügeln Erde darüber. Wie auf ein geheimes Zeichen drehen sich die Vögel zu ihm hin, neigen kurz ihre Köpfe zu ihm ( er glaubt, er träumt noch) und dann erheben sie sich alle in die Luft, kreisen noch dreimal über ihm und fliegen davon. Die Steppe, aber was passiert hier?

Die Samen keimen! Vor seinen Augen schießen grüne Triebe aus dem Boden. Sie wachsen schnell zu Büschen und sogar zu Bäumen heran. An ihren Zweigen duften bunte Blüten, jetzt fallen die Blüten ab und der Jüngling sieht langsam dicker werdende Äpfel an den Zweigen reifen. Sie sehen golden aus. So viele Apfelbäume. Und Rosen, Tulpen. Jetzt bahnen sich auch Bäche einen Weg durch die steppige Wüste. Es blitzt und funkelt in den Bächen als wären sie voller Edelsteine. Und nicht alle Vögel sind verschwunden. Immer wieder hört er Zwitschern und Singen im Wald und Park.

Der Jüngling ritt schnell zur Höhle seines Lehrers.

Alle warteten schon auf ihn. Nachdem er erzählt hatte standen alle auf und wollten diesen Garten und Park selber sehen. Sie staunten und staunten, als sie die Wunder und die Pracht mitten in der Wüste erblickten. Die Nachricht von diesem Wunder verbreitete sich im Land. Als erstes kamen die Geschäftemacher. Sie wollten das Obst verkaufen, diesen Garten für sich in Besitz nehmen, aber es war seltsam, sie konnten nicht hinein. Ein fester unsichtbarer, unüberwindbarer Zaun sperrte sie aus. Die Menschen mit reinen Herzen und die Armen aber kamen ohne Schwierigkeiten hinein. Für sie war alles offen, die Kinder durften sich Äpfel und anderes Obst pflücken. Die Erwachsenen erholten sich im Schatten der Bäume, die Männer pflückten ihren Frauen Blumen und alle genossen den Gesang der Vögel. Manche fühlten sich zum ersten Mal in ihrem Leben glücklich. Der Schüler des weisen Alten war froh.

Aus Kasachstan

Neu erzählt von Jörn-Uwe Wulf



Die Zauberperle

Der Herr der gelben Erde wandelte jenseits der Grenzen der Welt.
Da geriet er auf einen sehr hohen Berg und schaute den Kreislauf der Wiederkehr.
Da verlor er seine Zauberperle.
Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, aber bekam sie nicht wieder.
Er sandte Scharfblick aus, sie zu suchen und bekam sie nicht wieder.
Er schickte Denken los, sie zu suchen, und bekam sie nicht wieder.
Schließlich sandte er Selbstvergessen aus und Selbstvergessen fand seine Zauberperle.
Der Herr der gelben Erde sprach:
Seltsam, wirklich seltsam, das gerade Selbstvergessen fähig war, sie zu finden.

Zuhangzi, Das Buch vom südlichen Blütenland, sich in den Mund gelegt von Jörn-Uwe Wulf


Der Ziehbrunnen

Ein Gelehrter kam nach langer Wanderung mit seinen Schülern zurück in seine Heimat.

An einem Dorf vorbeikommend erblickt er einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten arbeitete. Er hatte Gräben zur Bewässerung gezogen. Jetzt schöpfte er mit Hand Eimer um Eimer und befüllte die Gräben. Er strengte sich sehr dabei an, doch brachte er wenig zustande.

Der Gelehrte hielt mit seinem ganzen Troß an und sprach den Alten an:

„Da gibt es eine Einrichtung mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann. Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?“

Der Gärtner richtete sich auf.

„Und was wäre das?“

„Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und vorn leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, dass es nur so sprudelt.“

Da stieg dem Alten der Ärger ins Gesicht, doch dann sagte er lachend:

„Ich hab meinen Lehrer sagen hören: Wenn einer Maschinen benützt, färbt das ab, man arbeitet maschinenmäßig. Wer maschinenmäßig arbeitet, entwickelt ein Maschinenherz. Wer ein Maschinenherz in der Brust hat, verliert die reine Einfalt. Bei wem die reine Einfalt hin ist, der weiß nicht mehr, was ihn leitet. Diese Unsicherheit verträgt sich nicht mit dem Tao. „Nicht dass ich solche Dinge nicht kennte: ich schäme mich, sie anzuwenden.“

Der Gelehrte errötete. Schweigen - dann wieder der Gärtner:

„Wer seid Ihr eigentlich?“

„Ein Schüler des Konfuzius.“

„Ah einer jener großen Gelehrten, die sich rühmen, klüger als wir anderen zu sein und über die Dummheit der Welt klagen um sich einen guten Namen zu machen. Wenn Ihr all Eure Schlauheit vergessen könntet und all euren Formelkram wegwerfen würdet, könntet ihr es vielleicht zu etwas bringen. Aber ihr könnt nicht einmal Euch selbst in Ordnung halten, wie wollt Ihr da die Welt ordnen? Geht weiter, Herr, stört mich nicht in meiner Arbeit.“

Der Gelehrte erblasste, lief davon, gefolgt von den ratlosen Schülern.

Drei Stunden später hatte er sich gefasst.

„Wer war der Mann?“, fragten seine Schüler, „warum wart Ihr so betroffen?“

„Ich hatte vor dieser Begegnung gedacht, dass es auf der Welt nur einen Großen gäbe, meinen Meister. Ich wusste nichts von diesem Menschen. Konfuzius lehrt, dass man in allem das Mögliche erstreben und mit wenig Kraftaufwand möglichst viel zu erreichen, das Höchste sei. Jetzt erkenne ich, das stimmt nicht allein.

Der hier kümmert sich um Einfachheit. Da geht er ganz auf. Dadurch ist er mit sich im Reinen. Er lebt mitten unter dem Volk und niemand weiß von ihm. Erfolg, Gewinn, Kunst, Geschicklichkeit haben keinen Platz im Herzen dieses Menschen. Was er sich nicht zum Ziel setzt, tut er nicht. Was nicht seiner Gesinnung entspricht, macht er nicht. Anerkennung oder Tadel der Welt- egal für ihn. Er führt ein unabhängiges, völliges, selbstbestimmtes Leben.

Dagegen komme ich mir vor wie ein Stück Holz auf dem Meer, von Wind und Wellen umhergetrieben.

Zurück zu Konfuzius erzählte er alles. Der sprach:

„Da pflegt einer die Grundsätze der Urzeit. Er kennt das Eine und will nichts wissen von einem Zweiten. Er ordnet sein Inneres und kümmert sich nicht um das Äußere. Vor einem solchen Menschen, der Reinheit erkennt, nicht handelt, zurückkehrt zur Einfalt, seinen Geist in der Hand hat und verborgen mitten unter uns wandelt, hattest Du Grund zu erschrecken.

Grundsätze der Urzeit - ich versteh’ s auch nicht.

 

 

Nach Zhuangzi, etwas verändert und verheutigt und seinem Verständnis angepasst v. JuWulf