Gründeln über Fingerhütchen

Fingerhütchen bleibt wegen dieses Artikels noch etwas länger auf Mär fürs Ohr. Wer mag, trägt gerne noch etwas zu den Gedanken bei.


Elfensang und Wochentag

Ich höre den AB ab. Eine Stimme jubelt:

Montag, Dienstag,
Mittwoch, Donnerstag
und dieser Freitag…

Märchenkollegin A. ist es, die Fingerhütchen gerade auf Mär fürs Ohr gehört hat und der das Herz überfließt.
Sie freut sich über die Stimmung in diesem irischen Text und hat sie mit ihrem Gesang gut getroffen, bestätige ich ihr später.

Wir spinnen in den nächsten Tagen per Mail und Telefon über den Sinngehalt des Märchens.
Ich darf Auszüge unserer Mailgespräche verwenden.

„Ich hatte mich bei diesem Fingerhütchen - Märchen immer über diesen seltsamen Inhalt des Elfen-Gesanges gewundert, hatte es einfach nur als etwas ziemlich Skurriles empfunden und dann nicht weiter darüber nachgedacht,“ sagt A.
    
Ging mir genau so. Wie lange erzähle ich den Text, zwanzig Jahre?
Er wurde von den Grimms im Band Irische Elfenmärchen überliefert, ähnliche Versionen gibt es in vielen Ländern der Erde. Ein besonderer Schatz der Grimmschen Version sind für mich die Noten des Liedes in ihren Anmerkungen. So, oder so ähnlich, soll es geklungen haben. Mittlerweile sind mir Melodie und Texte eingewachsen, ich finde, es kann nur so gesungen werden, klar.

„… als ich Dir und Ellen „a gute Woch“ wünschte und Dir noch dazu erklärte, daß bei den Juden dieser Wochenbeginn mit den anschließenden Tagen etwas nahezu „Heiliges“ sei, ging mir dazu vielleicht der tiefere Sinn ein: die Elfen haben als Naturgeister dieses Verständnis von menschlicher „Zeit“ nicht, können es auch gar nicht haben, sind also darauf angewiesen, daß Einer aus dem Menschen- Volk ihnen diesen Raum er öffnet bzw. erschließt und mit „Samstag“ (und insbesondere mit dem  „Sonntag“!) zur Vollendung bringt  -  denn letztlich geht es ja auch um die 7 Tage der Schöpfung,
Siehst Du das auch so?“

 Ich hab nicht das Gefühl, dass sie darauf warten, eine Wocheneinteilung zu bekommen, aber die Elfen freuen sich über nette und einfältige Menschen, die Dinge, die schief sind, ins Lot bringen.
Das kann Fingerhütchen.
Dieses angelernte Lied, diese Pause - seine (Fingerhütchens) Lückennot fühlen sie nicht, aber sie empfinden, wie schön und ganz das Lied nach Fingerhütchens Zutat wird.
Fingerhütchens Sinn für Harmonie greift. Fingerhütchen ist selbst in der Welt etwas randständig, er hat sich mit seinem Buckel dreingefunden,  und scheint offen für Eingebungen. Er kann intuitiv handeln, als Korbflechter kennt er sich mit Strukturen aus.  Er ist geduldig, geschickt, wahrscheinlich rhythmisch versiert, er schafft Ganzheiten (Körbe) mit denen man sammelt, einholt und ordnet. Mit diesen Fähigkeiten kann er den Lebenskräften (den Elfen) dann doch etwas Menschliches hinzufügen.
Mal ganz vorsichtig ausgedrückt.
Er löst ein Problem, die Disharmonie des Liedes, die Lückennot.
Und sie können eine feine Ganzheit des Liedes anerkennen und genießen. Sie jubeln das vollendete Lied hinaus in die Vollmondnacht. Und interessanterweise kann Fingerhütchen ihre Geschenke wahrscheinlich in seinem neuen Leben und auf einem neuen „Level“ auch anwenden, weil er einfältig und intuitiv war.
Schön nicht?

„Ich hätte soo große Lust, mit Dir darüber weiter nachzudenken, muß mich jetzt aber eigentlich gerade ganz dringend dem Februar-Brief für den Seniorinnen-kreis in xxx widmen, der bis Mittwoch fertig sein sollte.
Grundsätzlich haben mich Deine Ausführungen über die „Gestimmtheit“ der Elfen als Naturgeister weitgehend überzeugt, und Du hast recht, wenn Du andeutest, ich hätte den Inhalt der menschliche „Ergänzung“ überbewertet-.
Das rührte wahrscheinlich von der jüdischen „guten Woch“ her, die mich da auf der eher Spirituellen Ebene „erwischt hat, und die, was mich betrifft, auch existentiell etwas Wichtiges wäre.
(Ob ich aber die Elfen mit ihrem unbeschwerten Leben „ in der Zeit“ etwa nicht doch sehr beneide?!)“


Elfenekel und Naturtod

Zu Fingerhütchen fiel mir gerade beim Kaffeekochen für Ellen (im Homeoffice) und mich (arbeite gerade am Tod im Pflaumenbaum als Hörstück für Mär fürs Ohr) noch ein:

Die Elfen (ich verstehe sie hier als die Kräfte, die in der Natur walten) leiden unter den Menschen und ihrer Art als Schlauis die Natur zu skalieren. Und dann erfinden die Menschen auch noch solchen Unsinn wie Wochentage, an denen man arbeiten und Wochenenden, an denen man nicht arbeiten soll und so.
Die Elfen lieben es zu wirken, machen sie einfach und sie leben in Jahreszeiten.
Sonntagsarbeiten - egal, hat für Elfen keine Bedeutung, aber im Zusammenhang mit „sich die Erde untertan machen“ -  ergeben sich Elfenekel und Naturtod. Elfen (Naturkräfte) können nicht begreifen, dass sich die Menschheit entwickeln muss und in ihrem Wahn dabei oft die Natur zerstört. Sie leiden (vielleicht) und merken es nicht einmal (denn die Liedlücke übersingen sie immer wieder).
Aber die Elfen können Schönheit und Ganzheit empfinden.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Elfen so jubeln und loben, wenn Fingerhütchen das Lied komplettiert. Die Elfen warten nicht auf die Erkenntnis Wochentag, aha!, sondern darauf, dass wir Menschen entdecken, wir Menschen sind Bestandteil der Natur. Womit ich nun tatsächlich bei Dir lande, wenn Du schreibst: …“zur Vollendung bringt“…
Ist noch nicht fertig, finde ich, aber wir sind auf gutem Wege.


…wie kamst Du plötzlich auf das eher sehr umstrittene und mißverstandene Wort vom „ Sich untertan machen“? Wegen meines beiläufigen Hinweises auf die „Schöpfungstage“ ? Diese eher mythischen Betrachtungsweisen müßte man lieber nebeneinander stehen lassen- sie kommen eben aus zu verschiedenen „Welten“!“
… „Elfenekel und Naturtod“ klingt allerdings ebenfalls nach einem großartigen „Thema“! Doch das wäre jetzt - um mit Effi Briests Vater zu sprechen- „ein zu weites Feld“! Und stünde dann eher in anderen Zusammenhängen als es der Auslöser mit unserem „Fingerhütchen“ gewesen ist?
-Deine Sichtweise auf diesen „ unbeschwert- beschwerten“ jungen (?) Mann finde ich sehr treffend und zufriedenstellend! Und ich möchte eigentlich gerne weiterhin mit ihm und den Elfen einfach nur „jubeln“…
Dennoch: wir Menschen müssen wohl, wie Du es sagst, wirklich immer in Entwicklung sein, und auch da wäre das schlichte Sich-anheimgeben an die Rhythmen der Natur etwas Wunderbares! Aber unser persönliches Erleben von „Zeit“ ist dann doch oft ganz anders, und wir empfinden das andauernde Fortschreiten der ´Zeit in ihrem jeweiligen Maß“  oft auch als sehr bedrängend-  jedenfalls ich ( hat wohl auch mit dem Altern( n) zu tun?)
…Du siehst hoffentlich auch mein ganz persönliches Problem: eigentlich bin ich wie die Elfen- möchte immer nur das machen, was mir gerade in den Sinn kommt und das „paßt“, und komme dann aber – auf Menschen-Ebene! – mit der mir zur Verfügung stehenden Zeit so überhaupt nicht zurecht - und das nicht mal am verf… Sonntag!!
Wieder mal Zeit , (!°) „ a gute Woch“ für Euch zu wünschen! Und bis zum nächsten schönen Gespräch…

Herzlich, A

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Kommentare: 2
  • #1

    Schatzfinderin (Montag, 01 Februar 2021 22:02)

    Mich hat ganz simpel am meisten angesprochen, dass zum Einen Fingerhütchen spürt, wann es Zeit ist, eine Pause zu machen. Loszulassen. Dabei lässt er sich ganz auf das ein, was ihm begegnet. Er lässt sich zum genauen Hinhören verlocken und geht in Kontakt. Die Elfen wiederum lassen sich von ihm verlocken und gehen nun ihrerseits in Kontakt. Und so entsteht ein kreatves Miteinander voll Leichtigkeit und Beschwingtheit.Vielleicht liegt es auch an der Art, wie du gesungen hast, es hat mich gleich zum Mitschwingen verlockt. Ähnliches erlebe ich immer mal wieder, wenn es darum geht, zu zweit oder zu mehreren etwas Kratives auf die Beine zu stellen. Der Funke springt über, von Einem zum Andern. Herrlich. Die Freude der Elfen kann ich gut nachvollziehen!

  • #2

    Jörn-Uwe (Montag, 01 Februar 2021 22:42)

    Still werden in der Rast, aufmerken, zuhören, mitschwingen und dann kontakten und umgekehrt. Ja, fühlt sich für mich wie eine gelungene Begegnung an.