Hilfe, ich bin ein kleiner Künstler!

 

 

Mir fällt auf, dass manche Kleinkünstler*innen im Augenblick desorientiert sind. Ich habe mehrere Auftritte von Kleinkünstler*innen in diesem Sommer begleitet.

 

Eineinhalb Jahre berufliche Verbote durch Pandemiemaßnahmen haben Spuren bei uns  hinterlassen. Was im letzten Sommer, dem ersten Vierteljahr von Corona noch weggesteckt wurde,
    Ich habe keine Angst. Ich bin fröhlich. Ich sehe den Sinn ein und    trag das mit und mach mal langsam. Mal sehen, wann es wieder wie früher wird, bestimmt nach dem Sommer, spätestens im September, na, Weihnachten.
hat sich ein Jahr später als Unsicherheit verfestigt.

                                                                                                                              Foto: Ellen Erdbeer-Wulf

 

Da ist der Sänger, der kurz vor Konzertbeginn feststellt, dass seine Gitarre kaputt ist („Ich bin gleich wieder da, wohne selbst um die Ecke“) oder
die in hunderten Auftritten gestählte Rampensau, der es nicht möglich ist, ihre eigenen Kompositionen anzusagen,
die Musikerin, die vor jedem Stück vor sich hinmurmelt und bei der Bitte um eine Zugabe völlig den Faden verliert,
den erfahrenen Erzähler, der bei einem Märchen fast in Tränen ausbricht,

der leise Flamencogitarrist, der nach dem Auftritt flüstert, weiß gar nicht mehr, warum üben,
das Jazztrio, das bei allem Können schwer in die Gänge kommt im Livemodus.

Eineinhalb Jahre ungewollte Sabbatzeit haben bei uns Spuren hinterlassen.
Da haben sich Selbstverständlichkeiten verflüchtigt, die langsam wieder eingeübt werden müssen (wenn wir weiterarbeiten wollen).
Das Repertoire ist geschrumpft, die Sicherheit mit der ich in meinen Stoffen zu Hause war, verschwunden.
Hatte ich vor 1 1/2 Jahren locker 250 Märchen drauf - mit Kurzlesezeit um die 400 - bin ich froh, wenn sich heute eine Stunde Programm in meinem Kopf aufhält - und dann die Zugabe kurz vor Schluss der Veranstaltung noch in mich Einzug hält.
    He Märchen, schön dass Du auch noch kommst!

Ich erlebe mich und die Kolleg*innen als schwer gekränkt.
Nicht allein die wirtschaftlich prekäre Situation
    haben auch Wirt*innen erlebt -
sondern auch weniger wichtig zu sein, als

    Krankenhauspersonal und
    Supermarktkassierer*innen und
    Lehrer*innen und
    Gerüstbauer*innen und
    Sachbearbeiter*innen und
    Automechaniker*innen und

noch so viele andere  -  also das hört sich jetzt doch fast wehleidig an. JAAA.

 

Wir Künstler*innen, wir waren nicht wichtig und gesellschaftlich relevant.

    Nun, das hatten wir mit den Kindern gemeinsam. Ich erschrecke, als mir das gerade auffällt.

Nicht mehr selbstverständlich tätig sein zu können und gemocht werden,

nicht mehr in Kontakt mit unserem Publikum treten zu können,

    Bin ich mir im Klaren, dass ich mit meiner Kunst geliebt werden will?
Die veränderten Tagesrhythmen machten zu schaffen,

    Ist doch auch bei Krankheit und im Gefängnis so, das alles anders ist.
und die Bestätigung einer gut gemachten Arbeit fehlte vielen Kleinkünstler*innen.
 
Ist es möglich, diese Beschädigungen des Egos einfach hinzunehmen und vorsichtig weiterzumachen?

Ich greife zum Mittel des Aufklapporakels*!

Töte in dir alle Erinnerungen an die Erfahrungen der Vergangenheit. Blicke nicht zurück, sonst bist Du verloren.

Ein Satz aus „Die Stimme der Stille“ ( Buch von H.P.Blavatsky, das sich gut als Aufklapporakel nutzen lässt)

Guter Punkt. Ich beziehe den Satz jetzt mal nicht auf mein verschwundenes Repertoire, sondern auf die Erwartungen und Wünsche, die ich an mein berufliches Handeln habe.
Ich beziehe diesen Satz ganz besonders auf meine Illusion, dass es mein berufliches Handeln in der Welt braucht. Gibt schon Geschichten und Erzähler*innen, gibt genug wichtige Leute.
Es braucht mich nicht, aber es gibt mich und ich erzähle gern.

Geht wahrscheinlich jedem Menschen auf der Welt so, dass er/sie irgendwann merkt, da wartet eigentlich niemand auf mich. Also weitermachen, weil Du da bist. Und mach, was Du tust, so gut du es kannst!

Hinnehmen, dass sich meine Welt ändert, dass neue Aspekte mein Leben bestimmen, ob ich will oder nicht.
Klarer Abschied von dem Leben vor C., das ich kannte und in dem ich mich auszukennen glaubte. Es wird nicht mehr so wie früher, es ist heute.

Töte in dir alle Erinnerungen an die Erfahrungen der Vergangenheit. Blicke nicht zurück, sonst bist Du verloren.

Okay…


Nochmal Aufklapporakel „Die Stimme der Stille“:

Der weite Abgrund, der dich zu verschlingen drohte, fast überwunden.

Will ich nicht meckern.


*Aufklapporakel geht so: Ich bin in Not und habe viele schöne Bücher. Ich schlag eins auf und der Satz, der heute für mich bestimmt ist, springt mir ins Auge. Dabei suche ich mir natürlich schamlos auf der Seite die Stelle aus, die mich stärkt.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0