Der Teufel wollt was Gutes tun


Ein Philosoph und Taxifahrer aus Kurdistan nimmt mich mit.
Wir kennen uns seit Jahren. Er liest, mal Nietzsche, mal einen Sufitext, mal einen kurdischen Philosophen, nie leichte Kost. Ich lese nie so etwas. Er ist sehr belesen.
Er weiß, dass ich erzähle und fragt auch immer nach.
Wir reden immer über Bücher und über das Lesen. Er mag nicht, dass ich die Bücher, die ich nicht mehr brauche, wegwerfe.

Diesmal weiß er eine Geschichte.
„Ich erzähl dir - hör zu:

Der Teufel hatte einen guten Tag. Die Sonne schien und er war spät aufgewacht.
Heute wollte er mal was Gutes tun.
Er stand auf, bereitete sich auf den Tag vor. Ging im Wald spazieren, heute mal nicht negativ sein.

Da findet er ein Kalb. Es ist an einem Baum festgebunden.
Aber es hängt da so ein bisschen, als wenn es keine Luft mehr bekäme.
Der Teufel kommt näher. Jetzt erkennt er, dass sich das kleine Tier selbst umwickelt hat mit seinem langen Seil. Er erinnert sich an seinen Vorsatz, heute etwas Gutes tun. Eigentlich möchte er seine gute Tat auch dokumentieren. Die Leute reden ja so schlecht von ihm.
Er holt sein Handy raus und filmt.
So löst er das Seil und befreit das Kalb. Das läuft gleich los. Der Teufel folgt ihm filmend. Das Kälbchen läuft zu seinem Stall. Das Tor steht weit offen.
Drinnen sitzt die Bäuerin auf dem Schemel und melkt ihre Kuh. Aber das Kälbchen hat Hunger, es drängelt sich an der Frau vorbei und macht sich an die Zitzen. Dabei stößt es den Eimer mit der Milch um. Fünf Liter Milch verloren.
Die Bäuerin wird zornig. Sie hebt den schweren Eimer auf und schlägt ihn auf den Kopf des Kalbes. Das bricht zusammen und verröchelt. Das hat die Bäuerin natürlich nicht gewollt.
Sie bückt sich nach dem Tier, versucht es zu streicheln, wieder aufzurichten, achtet nicht mehr auf die Kuh. Die sieht ihr Kind bedroht und tritt die Bäuerin, trifft sie unglücklich und verletzt sie. Jetzt ist die Bäuerin wie wild, nimmt eine Mistgabel und sticht sie der Kuh in den Bauch. Der Bauer rennt mit seinem geladenen Gewehr in den Stall. Er hat den Lärm gehört, sieht das tote Kälbchen, seine tote Kuh und die wütende Ehefrau mit der blutigen Mistgabel in der Hand. Sie wendet sich um, macht einen Schritt auf ihn zu, da geht sein Gewehr  los und er erschießt die Ehefrau.
Mittlerweile sind auch die Eltern der Frau aus der Nachbarschaft zu Hilfe geeilt. Sie sehen ihre tote Tochter, auch sie haben Gewehre.

Als die Überlebenden zu sich kommen, klagen sie den Teufel an, weinen und jammern, schimpfen auf ihn, er sei Schuld, er mache immer so schlimme Sachen, o Gott!
Doch diesmal läßt der Teufel das nicht auf sich sitzen. Er baut sich vor ihnen auf, er hat Beweise, neigt sich zu ihnen, zeigt ihnen seinen Handyfilm.

„Seht selbst!

Ich habe nur das Kälbchen befreit, alles andere wohnt in Euch, ihr Menschen.“


Kommt aus Kurdistan, sagt Mehmed noch.



Die Fahrt ist zu Ende.
Eine gute Geschichte,
mitreißend erzählt,
inkl. Shuttle von der U-Bahn nach Hause.

Was für ein Service!

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