Kleine Pflanze - unerwartet

Auf der Messe Leben und Tod , in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Kinder, stellte sich eine ältere kleine Frau an den Stand. Wir waren in mehreren Gesprächen gebunden. Sie wartete lange, da war ein Anliegen. Mehrmals fiel mir ihr intensiver Blick auf, mit dem sie mich anvisierte. Auch die Starrheit ihrer Mimik fiel mir auf und ich war beunruhigt.

Endlich, nach Beendigung eines Gespräches, fragte ich sie, ob ich irgendwas für sie tuen könnte.

"Ich weiß eine Geschichte, die sie erzählen sollten, genau ihr Thema."

Ah, sowas kenne ich und es ist meistens unersprießlich. Die Menschen sind überzeugt und berührt und sehr verletzlich und ich mag erfundene Geschichten oft nicht. Ein doofes Gefühlsgemenge.

 

Irgendetwas an ihr oder eher am Geist in dem wir uns auf dieser Messe in diesem Umfeld offener und vorsichtiger Menschen befanden, ließ mich sagen:

"Erzählen Sie!"

Und ich erntete diese Kostbarkeit:

Kleine Pflanze

In einem Garten in dem sich alle kannten, erschien eines Tages ein neues Gewächs. Es war klein und zart, niemand wusste, wer es war. Ein kleines Stämmchen, dann die ersten Blätter. All das bei der alten Kiefer, die einer der ältesten Bäume des Gartens war.

Die Büsche fragten die Gräser, die Blumen schauten die Bäume fragend an. Keiner kannte das Pflänzchen.

Aber der Garten war groß und seine Bewohner freuten sich über das neue Mitglied und beobachteten mehrere Tage lang das Wachstum des Neulings. Ging langsam voran, aber alle wussten noch von ihren eigenen Anfängen und betrachteten es liebevoll.

 

Doch ein paar Tage später war der Platz an dem es begonnen hatte sich einzutiefen - leer.

Die Stauden protestierten, die Rosen schauten verletzt, der Flieder wogte erregt hin und her. Was war geschehen.

"Das kann er doch nicht machen, der Gärtner," schimpfte der Bärlauch. Der Löwenzahn, der es auch nicht leicht hatte, solidarisierte sich mit der verschwundenen Pflanze. Ein Unverständnis störte die harmonische Ausgewogenheit des Gartens.

Da sprach die alte Kiefer:

"Schimpft nicht auf den Gärtner, er hat dem Pflänzchen bestimmt einen neuen Platz gesucht in einem anderen Garten. Dort hat es mehr Platz und kann besser wachsen und Frucht tragen."

Ich bedankte mich bei der Dame für diese schöne Geschichte, fragte nach ihrer Quelle und bekam sie ein paar Tage später per Mail. 

Die Geschichte, wie sie sie mir erzählt hatte, erlebte ich bunter, frischer und duftiger als sie geschrieben stand. Der Erzählerin war es gegeben, einen recht trockenen religiösen Text anrührend neu zu erfinden. Ein unerwartetes Blühen am Wegrand, ein kleines Glück.

 

 

Die Quelle entstammt der Bahá'í-Religion, die auf der Messe einen Stand hatte.

Abdu’l-Bahá – Briefe und Botschaften
169

 Ich war durch die gute Erzählerin in der Lage, die Geschichte mühelos neu zu erfinden.

 

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